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Genderlinguistik : Von Sternchen und Stichproben

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Meiner Kritik genderlinguistischer Studien wurden Unrichtigkeiten und Unterstellungen vorgehalten. Dabei zeigt sich ein Problem, das vielen Studien zur Gendersprache gemeinsam ist. Eine Duplik.

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          Mein Beitrag „Warum geschlechtergerechte Sprache nicht gerecht ist“ kritisierte die Forschung zur Rezeption von Gendersprache. Die Autoren einer beispielhaft zitierten Studie beklagten daraufhin „Unrichtigkeiten“ und „Unterstellungen“. Sie übergehen indessen entscheidenden Einwände.

          Wie viele ähnliche Studien leidet auch die zitierte an einer problematischen Stichprobe, einem für die Fragestellung untauglichen Versuchsdesign und einer alltagsweltlichen Irrelevanz der gemessenen Unterschiede. Im konkreten Fall waren die Teilnehmer der Studie zwar völlig unstrittig keine Studenten der Genderlinguistik, sondern wurden über eine Onlineplattform gewonnen. Vermittelt wurde aber keine Zufallsstichprobe, sondern Personen, die sich zuvor proaktiv dort registriert hatten, also ein Interesse an der Teilnahme an wissenschaftlichen Studien zeigten, und aus einer Liste von Studienbeschreibungen die eigene Studie selbst ausgewählt hatten. Ein solches Vorgehen ist zwar für Forscher bequem und daher nicht unüblich, birgt allerdings insbesondere für unser Thema erhebliche Verzerrungsgefahr. Denn so gewonnene Teilnehmer stammen fast ausschließlich aus dem akademischen Milieu, und gerade Hochschulen sind ein Dorado für Gendersprache.

          Dies bestätigen die soziodemographischen Merkmale der Stichprobe, die ausweislich der Rohdaten im Wesentlichen aus jungen Personen mit Hochschulreife zusammengesetzt ist. Diese können weder zahlenmäßig noch weltanschaulich und schon gar nicht in ihrem Bezug zu Gendersprache die Gesamtbevölkerung repräsentieren und sind in Hochschulen wie fast nirgends sonst mit der Affirmation von Gendersternen und zugehörigen Ideologien tagtäglich konfrontiert. Selbst wer hier von sich behauptet, Gendersprache abzulehnen oder mit ihr nicht vertraut zu sein, wurde zuvor über organisationale Vorgaben und Zwänge seiner Universität sozialisiert, steht mit Kollegen oder Kommilitonen im Austausch, die diese tagtäglich mit Freude praktizieren, und wird regelmäßig Zeuge von einschlägig ins Extrem gesteigerten Empfindlichkeiten, die von wieder anderen verständnisvoll begleitet werden.

          Relevanz von Alter und Kontext

          Dass ein solcher Erfahrungshintergrund die Antwort von Probanden zum Thema Gendersprache beeinflussen kann und diesbezüglich relevante Dispositionen nicht über Einzelfragen herauskomponentialisiert werden können, leuchtet gerade sozialpsychologisch schnell ein. Ebenso wie die Tatsache, dass sinnvolle Aussagen zu „Bildungseffekten“ aus einer Stichprobe, die nur etwa ein Prozent Personen ohne Schulabschluss oder mit Hauptschulabschluss umfasst (Bevölkerungsanteil: etwa ein Drittel), schwer zu treffen sind. Ähnlich beim Alter: Personen über vierzig Jahre, immerhin die Mehrheit der Bevölkerung, kommen in der Stichprobe fast nicht vor, obwohl gerade bei diesen bekanntlich das Verständnis für und von Gendersternen rapide abfällt. Die Autoren betrachten Alterseffekte als irrelevant, weil sie keinen Unterschied zwischen Personen über und unter dreißig Jahren gefunden haben — in einem Vergleich derjenigen Altersgruppen, aus denen ihre Stichprobe eben im Wesentlichen besteht: hauptsächlich 18- bis 27-Jährigen und in zweiter Linie 28- bis 37-Jährigen.

          Bekannt ist ebenso die hohe Relevanz von Kontextinformationen für unser Sinnverständnis. Sprachliche Bedeutungen, insbesondere auch Geschlechtszugehörigkeiten betreffend, entstehen über die Möglichkeit erweiterter Einordnung von Sachverhalten. Nur so können wir immer pro­blemlos helligkeitserzeugende Bauteile von Lampen von Kernobst und einem früheren Bundeskanzler unterscheiden. Dass in vielen Studien zu Gendersprache wichtige Kontextinformationen zur Geschlechtsbestimmung systematisch abgeschnitten werden, wurde oft kritisiert und ist allein dazu geeignet, „mittelgroße“ Effekte in darauf aufbauendem Missverständnis aufzuklären. Dies hinderte die Autoren allerdings nicht daran, ihren Probanden geradezu bizarre Beispielsätze wie diesen vorzulegen: „Die Autofahrer kamen aus dem Gebäude heraus. Wegen des schönen Wetters trug die Mehrheit der Frauen ein T-Shirt“ – um aus dessen Unverständnis auf Schwächen des generischen Maskulinums zu schließen.

          Wie voll nun ein Glas sein muss, um voll zu sein, darüber wird es immer unterschiedliche Einschätzungen geben. Was bei Personen, die eine völlig legitime akademische Karriere im Erforschen von si­gnifikanten Unterschieden bestreiten, als „mittelgroßer“ Effekt gilt, kann alltagsweltlich ohne jeden Widerspruch dazu völlig unerheblich sein. In jedem Fall taugen die gemessenen Effektgrößen, auch ganz abseits der Problematik ihrer methodischen Fundierung, kaum für die von interessierter Seite oft eingebrachte Behauptung, die Verwendung des generischen Maskulinums lasse „vor allem“ an Männer denken.

          Wenn nun ungeeignete Stichproben nicht einmal thematisiert und altbekannte Mängel wie die fehlenden Kontextwissens stumm reproduziert werden; wenn angesichts von statistisch „mittelgroßen“ Effekten des Genderns die riesengroßen im völlig unproblematischen Verständnis generischer Formen noch ganz ohne Kontext nicht der Rede wert sind und die Zitation weiterer Studien einseitig implizieren, von Gendersprache würden positive Effekte ausgehen — dann mag beim Leser der Eindruck von Voreingenommenheit entstehen. Schön, wenn die Autoren hier nun in ihrer Replik Stellung beziehen. Dies jedenfalls sei Ihnen mit der Bitte um Entschuldigung zugestanden: Vom female bias der Gendersprache waren sie in der Tat nicht überrascht. Überraschungspotential birgt dies lediglich für Personen, die eine angeblich gendergerechte Sprache irrtümlich für gerecht und diesen Irrtum noch für eine wissenschaftliche Erkenntnis halten.

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