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Kolumne „Uni live“ : Geldsorgen im Studium

  • -Aktualisiert am

Betreten Studierende Cafés bald nur noch als Kellner? Bild: dpa

Nach einem euphorisch begrüßten Semesterbeginn drehen sich die Gedanken von Studierenden ob mit oder ohne Bafög zunehmend um eines: Geld. Es wird immer schwieriger, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

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          30 Prozent der Studierenden und 45 Prozent der Bafög-Bezieher leben in Armut. Das sind harte Zahlen, die der Paritätische Wohlfartsverband kürzlich veröffentlichte. Und diese gelten für 2020! Jetzt, Mitte 2022 und in einer Inflation, die so hoch ist wie seit 30 Jahren nicht, hat sich die Lage nochmal drastisch verschärft: Der Döner in der Jenaer Innenstadt kostet mittlerweile sechs Euro und der Cocktail in der idyllischen Gartenbar acht. Es sind Preise, bei denen man sich gegenseitig anschaut, schmunzelt und weitergeht. Außerdem die Explosion der Gaspreise: Nachdem im April und Mai reihenweise die Briefe von den Vermietern mit der Empfehlung eintrafen, die Mietnebenkosten ums 1,5-Fache zu erhöhen, stieg der Wert der eigenen vier Wände in jeglicher Hinsicht – denn das Leben außerhalb ist auch nicht billiger. Getroffen wird sich von nun an zuhause oder im öffentlichen Park, und auf den leeren Geldbeutel wird gemeinsam mit dem lokalen Billigbier angestoßen: „Sterni“ heißt es in den Unistädten des Ostens und es ist zu haben für aus der Zeit gefallene 39 Cent – selbstverständlich nur in den Discountern und Supermärkten.

          Auch bei mir, einem mit fränkischen Qualitätsbier Verwöhnten, erfreut es sich immer größerer Beliebtheit. Irgendwo muss ja gespart werden, wenn 60 Prozent des Bafög-Geldes für Miete aufgewandt wird. Auch die geplante Erhöhung des Satzes hilft nicht weiter. Der Grundbedarf soll zum kommenden Wintersemester um 5,75 Prozent auf 452 Euro steigen. Das ist gerade mal ein Inflationsausgleich. Und der Mietzuschlag soll sich auf 360 Euro erhöhen – also völlig an der Realität vorbei, vor allem für diejenigen, die in privaten Wohnungen leben. Und erst recht für jene, die keinen Höchstsatz bekommen, oder die 89 Prozent (2021) der Studierenden, die überhaupt kein Bafög beziehen und ihren Eltern auf der Tasche liegen oder neben dem Vollzeitstudium noch Teilzeit arbeiten müssen. Auch der Plan, mehr Studierenden Bafög-Bezug zu ermöglichen, ist nur ein Tröpflein auf den heißen Stein – zumal abzuwarten bleibt, wie viele Studierende überhaupt mitbekommen, dass sie ab dem Wintersemester neuerdings ein Recht auf eine Zahlung besitzen.

          Doch wo bleibt der politische Aufschrei, wo bleibt die Organisation der Studierendenschaft angesichts dieser deprimierenden Verhältnisse – „Not macht erfinderisch“ heißt es. Anscheinend bezieht sich das vor allem auf die Kreativität beim Sparen. Und sonst wird an Kreativität gespart.

          Der Zwang macht wütend

          Dabei war am Anfang des Semesters die Stimmung noch ausgelassen und heiter gewesen. Plötzlich traf man sich nach den endlich wieder präsentischen Seminaren in Cafés; abends, nachts, beziehungsweise morgens wurde wieder zu Techno gesteppt. Plötzlich gab es wieder Veranstaltungen wie interaktives Theater oder Poetry Slams in der lokalen Subkultur oder Events wie das gemeinsame Anschauen einer berühmten Trash-TV-Sendung in der Raucherkneipe nebenan. Die Konzerte der Lieblingsbands fanden wieder statt und mit dem Sommer beginnt die Festivalsaison. Dummerweise kostet das alles Geld und immer mehr davon. Aber wie soll der Abend in der Kneipe keine Ausnahme sein, wenn er jedes Mal einen Zwanziger frisst? Wie soll der Abend generell der gemeinsamen Entspannung dienen, wenn jede Eintrittskarte schmerzt?

          Gerade in der Prüfungszeit, wo die Bib von acht bis acht besucht wird, braucht es solche kurzen Momente, um runterzufahren. Es braucht sie, um sich vom Stress zu lösen und zu erholen. Natürlich: Studierende in der 1000 Kilometer entfernten Unistadt Lwiw können sich gerade nicht auf diesem hohen Niveau empören. Es ist ja gar nicht vorstellbar, welche Realität ukrainische Kommilitonen zur Zeit erfahren. Das nicht zu verdrängen und im Bewusstsein zu halten, ist wichtig, aber unsere Probleme hierzulande werden dadurch nicht kleiner, sie beschäftigen uns weiter, alles hängt zusammen.

          „Es war voll schön: Auf dem Festival habe ich mich richtig befreit gefühlt von dem ganzen Alltagszeug“, sagte meine Mitbewohnerin, als ich sie Anfang der Woche in der Küche traf. Und tatsächlich machen solche Sachen das Studium lebenswert. Nur scheint es gerade darauf hinauszulaufen, dass man für das Festival im Sommer auf die Rap-Cypher und die Studienfahrt verzichten muss. Oder man muss die anstehende vorlesungsfreie Zeit nutzen, um Geld zu verdienen. Dann bleibt aber auch keine Zeit fürs Selbststudium, und der Zwang dazu macht wütend.

          Ist es nicht an sich eine wunderbare Vorstellung, den Zehner ohne Bedenken, ja, sogar mit Freude, der eigenen Szene zukommen zu lassen? Doch momentan steht man vorm Einlass und möchte den roten Schein zurückziehen, bevor die hungernde Hand des Kulturzentrums endgültig das Stück Papier ergreift. Dieser Intuition wird natürlich nicht nachgegeben, wir halten die Solidarität hoch, und man möchte sich ja auch nicht so einfach aus dem öffentlichen Leben verdrängen lassen.

          „Ja, alles nicht so einfach.“ – Stimmt, alles nicht so einfach. Geld ist knapp und die Zeit ist es auch. Beides hängt zusammen. Vormittags bis nachmittags wird gebüffelt und abends wird geschuftet, den ganzen Tag wird gespart und die ganze Woche geleistet. Irgendwie ist es nicht verwunderlich, dass die Augenringe meiner Kommilitonen größer und dunkler werden. „Bist du heute Abend dabei?“ – „Ne, ich muss arbeiten.“ „Und du?“ – „Ich bin mit Uni voll hinterher.“ Schade, dass es so wenig Raum, Geld oder Zeit zur Entfaltung gibt. Sinnkrisen sind dadurch vorprogrammiert und, wenn man genauer nachfragt, bereits Realität. Alles scheint wie ein Teufelskreis: kein Geld, Sparen und Zwang zur Arbeit, keine Zeit, keine Entfaltung, Sinnkrise, keine Motivation, kein politisches Engagement, kein Geld…

          Sinan Kücükvardar (21) widmet sich seit vier Semestern in Jena der Philosophie und Soziologie. Er liebt beides, aber in angemessenem Maß. Die Frage, was man danach damit machen könne, hörte er schon so oft, dass er gerne an dieser Kolumne mitschreibt.

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