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Stadt-Land-Gegensatz : Die Wut der „Abgehängten“

  • -Aktualisiert am

Die französischen Gelbwesten, wie sie selbst sich sehen: als Vorkämpfer republikanischer Werte Bild: dpa

Die Trumps, Le Pens und Gaulands gewinnen, wo Unternehmen abgewandert und Arztpraxen geschlossen sind – in der Provinz. Aber nur auf den ersten Blick: In Wirklichkeit ist Ungleichheit viel kleinteiliger verteilt.

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          Wenn sich sozialer Protest massiert und populistische Bewegungen die Unzufriedenen einsammeln, werden Theorien räumlicher Segregation hervorgeholt. Der Vormarsch der extremen Rechten, auch der Coup der „Gelbwesten“ in Frankreich, werden einer Geographie der Unzufriedenheit zugerechnet: Hier die Metropolen, dort die Provinz, Zentren versus Vorstädte, Bobos gegen Prolos. Die Abgehängten rebellieren gegen die Angeschlossenen: so verortet der französische Geograph Christophe Guilluy in seinem Buch „No society“ den Wutausbruch. Ganz falsch sind seine Beobachtungen nicht, aber wie alle grobschlächtigen Hypothesen hapert es auch dieser an empirischer Evidenz und differenzierten Schlussfolgerungen. Vor allem stört, wie menschenleer der Geo-Determinismus ist.

          Traditionsbildend war in Frankreich die strukturalistische Humangeographie von André Siegfried, der das Wahlverhalten der Dritten Republik räumlich erforschte. 1985 enthüllte Hervé Le Bras dann nach geographischen Kriterien gleich „Trois France“ unter dem Mantel der einigen und unteilbaren Republik. In den Vereinigten Staaten haben sich zuletzt qualitativ arbeitende Feldforscher wie J.D. Vance und Arlie Russell Hochschild des elegischen Themas der „Hillbillies“ angenommen. Man erinnert sich: Hillary Clinton hatte diese Fremden im eigenen Land in den „basket of deplorables“ (Korb der Bedauernswerten) abgelegt und damit politischen Selbstmord begangen. Seither fühlen sich einkommensstarke, linksliberale und gebildete Stadtbewohner selbstquälerisch in ihr provinzielles Gegenbild ein.

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