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Geisteswissenschaften : Wohin mit den Daueraufgaben?

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Systematisch erfasst: Akademieprojekt zur Erforschung der Glasmalereien im Westchor des Naumburger Doms. Bild: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschafte

Es gibt viele wichtige Forschungsaufgaben, die 25 Jahre und länger zu ihrer Fertigstellung benötigen. Bund und Länder müssten zusätzliche Gelder für solche geisteswissenschaftlichen Projekte bereitstellen.

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          Was genau steht in Kants „Kritik der reinen Vernunft“? Wie hat Brahms seine Orchesterwerke wirklich komponiert? Und was stand in ägyptischen Sarkophagen geschrieben? Ob Forschung zu antiken Inschriften, zentralen Texten der großen Weltreligionen, zu den Werken bedeutender Philosophen oder Musiker, zu den Veränderungen der Sprache – niemand kommt ohne solche oftmals über Jahrzehnte von ausgewiesenen Experten bearbeiteten Grundlagen aus. Historisch-kritische Editionen, Datenbanken und sorgfältig aufbereitete Objekt- und Dokumentensammlungen sind überall zu Voraussetzungen für die gelehrte Auseinandersetzung mit den jeweiligen Gegenständen geworden.

          Das vom Bund und den Ländern gemeinsam finanzierte Programm der Akademien der Wissenschaften für langfristig angelegte geisteswissenschaftliche Grundlagenforschung gehört zu den Besonderheiten der bundesdeutschen Forschungslandschaft. Während für klassische Forschungsprojekte von bis zu drei Jahren Dauer eine ganze Reihe von Mittelgebern wie beispielsweise die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder große und kleine Stiftungen zur Verfügung stehen, kann etwa die Edition eines komplexeren antiken Textes mit einigen voneinander abweichenden Handschriften praktisch nur im Rahmen eines Langfristvorhabens der Deutschen Forschungsgemeinschaft für bis zu zwölf Jahre finanziert werden.

          Alle noch diffizileren Editionsaufgaben wie die große kritische Ausgabe des griechischen Neuen Testamentes oder die Ausgabe der Werke von Immanuel Kant müssten formalrechtlich eigentlich in fünfundzwanzig Jahren abgeschlossen sein. Für diese Zeit kann man nämlich bei einer Akademie der Wissenschaften ein Projekt im Rahmen der Bund-Länder-Förderung beantragen. Um dieses weltweit einzigartige Programm, das es seit 1979 gibt und in dessen Rahmen derzeit 144 Projekte mit rund 900 Mitarbeitenden gefördert werden, wird man regelmäßig außerhalb Deutschlands beneidet. Der Konkurrenzdruck im zweistufigen Auswahlverfahren ist aufgrund des engen Finanzrahmens hoch: In der ersten Runde konnte in den letzten sechs Jahren rund die Hälfte der Anträge nicht weitergereicht werden, in der zweiten Runde wurden von 122 positiv begutachteten Anträgen in diesem Zeitraum nur 37 bewilligt. In diesem Jahr reichten die Finanzmittel überhaupt nicht für eine neue Bewilligung.

          Luhmanns Zettelkästen

          Die Ergebnisse der geförderten Projekte nützen nicht nur den Geisteswissenschaften: Eine historisch-kritische Edition des Korans kann in einem streng muslimischen Land nicht entstehen, wird dort aber dringend gebraucht. Dank der neuen Brahms-Ausgabe kann das Orchester jeweils entscheiden, welche Fassung eines Werkes aufgeführt wird. Die Familiennamen-Forschung musste bisher auf völlig unzureichende Wörterbücher zurückgreifen, die nur einen Bruchteil der Namen erfasst haben; das digitale Familienwörterbuch schafft Abhilfe. Wie dieses Unternehmen sind inzwischen praktisch alle 121 Editionsvorhaben und 21 Wörterbücher auch online verfügbar, fast alle kostenlos, und sie nutzen alle Hilfsmittel des digitalen Zeitalters.

          In den letzten Jahren sind in das Akademienprogramm „zur Erschließung, Sicherung und Vergegenwärtigung des kulturellen Erbes“ auch sozialwissenschaftliche Projekte aufgenommen worden: Um die legendären 90.000 Zettel aus den Kästen von Niklas Luhmann ansehen zu können, muss man bald nicht mehr nach Bielefeld fahren, sondern kann sie bequem am heimischen Computer studieren. Wie es sich bei der Verwendung öffentlicher Mittel gehört, muss jeweils ein detaillierter Arbeitsplan vorgelegt werden, und spätestens alle drei Jahre wird von unabhängigen Fachkommissionen überprüft, ob diese Planungen eingehalten wurden. Nur in diesem Fall wird weitergefördert.

          Was aber geschieht mit den Projekten, die auch bei effizientester Planung und engagiertesten Editoren nicht in fünfundzwanzig Jahren abgeschlossen werden können? Das älteste Unternehmen im Akademienprogramm wurde vor über zweihundert Jahren gegründet. Die „Inscriptiones Graecae“ arbeiten an der kritischen Edition sämtlicher bekannter antiker griechischer Inschriften, gegliedert nach einzelnen Regionen und Landschaften. Sie sind mit dieser Aufgabe noch nicht fertig geworden, weil praktisch jeden Tag neue griechische Inschriften gefunden werden, etwa Texte eines epikureischen Philosophen.

          Bangende Mitarbeiter

          Um den Abbruch solcher Vorhaben zu verhindern, muss man nach fünfundzwanzig Jahren bei der neuen Antragstellung so tun, als ob man noch einmal ganz von vorn beginnt. Verlängerungen über diese Frist sind im Grunde zuwendungsrechtlich ausgeschlossen. Denn weder der Bund noch die Länder möchten angesichts der knappen Fördermittel Projekte mit einer Art Ewigkeitsdauer finanziert sehen. Es sollen ja schließlich auch neue Projekte eine Chance haben. Es scheint, dass nicht zuletzt aus solchen Gründen vor drei Jahren das Septuaginta-Unternehmen in Göttingen abgebrochen werden musste, obwohl in rund hundert Jahren höchst engagierter Arbeit lediglich zwei Drittel der griechischen Übersetzung des hebräischen Alten Testamentes ediert werden konnten. „Septuaginta“ wird diese Übersetzung genannt, weil der Legende nach siebzig Übersetzer für das Werk verantwortlich waren. Die erschienenen Bände werden angesichts der großen Bedeutung dieser Fassung der Bibel für die Geistes- und Kulturgeschichte ständig von verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen im In- und Ausland nachgefragt; die fehlenden Bände werden nicht nur dort schmerzlich vermisst, sondern auch bei mehreren anderen Projekten im Akademienprogramm, die eigentlich zuverlässige Septuaginta-Texte brauchten und nicht nur die veralteten Editionen der Vorväter.

          Das Problem, wie man mit Daueraufgaben umgehen kann, ist natürlich nicht erst in unseren Tagen entstanden. Adolf von Harnack und Theodor Mommsen, die selbst mehrere Editionsprojekte an Akademien begonnen haben, hofften dereinst auf geisteswissenschaftliche Forschungsinstitute, die sich insbesondere klassischer Daueraufgaben wie der Edition von griechischen und lateinischen Inschriften annehmen sollten. Auch die Dokumentation der deutschen Sprache in ihren verschiedenen historischen und gegenwärtigen Erscheinungsformen ist eine solche Daueraufgabe, ebenso die Sammlung der mittelalterlichen Geschichtsquellen, die Freiherr vom Stein 1819 begründete und die ebenfalls noch längst nicht abgeschlossen ist. Obwohl Harnack an der Gründung der heutigen Max-Planck-Gesellschaft beteiligt war und der damaligen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften bis zu seinem Tode als Präsident vorstand, blieb die Bibliotheca Hertziana ein Solitär, und es kam nicht zur Einrichtung solcher Forschungsinstitute für geisteswissenschaftliche Daueraufgaben. So ist es bis auf den heutigen Tag geblieben, und bei jedem Verlängerungsantrag bangen die Mitarbeitenden wie die Verantwortlichen, ob sich ein solches unverzichtbares Traditionsunternehmen gegen die vielversprechenden Neuanträge wird behaupten können. Vor einigen Jahren wurde beispielsweise das Projekt der Sammlung der antiken Münzen, das noch Theodor Mommsen begonnen hatte, abgebrochen, obwohl noch gewaltige Mengen von Münzen in den Schränken der Museen liegen und auch hier Tag für Tag neue Stücke dazukommen.

          Angesichts der bevorstehenden Evaluation des Akademienprogramms durch den Wissenschaftsrat im Jahre 2019 bietet sich die Gelegenheit, endlich das strukturelle Problem der Daueraufgaben anzugehen und auf diese Weise zugleich auch für Ehrlichkeit und Transparenz im deutschen Fördersystem zu sorgen. Deswegen wird vorgeschlagen, eine zusätzliche Förderform zu schaffen, die es ermöglicht, in einem ersten Schritt etwa fünf bis acht Zentren zu gründen, an denen beispielsweise dauerhaft antike Inschriften ediert, die verschiedenen Lexika der deutschen Sprache zusammengeführt und gemeinsam gepflegt werden sowie die Inventarisierung von Denkmälern und Kunstwerken wie den Glasmalereien seit dem Mittelalter vorgenommen wird. Nicht kommerzialisierbare, im Auf- und Ausbau befindliche digitale Archive dürften ebenfalls zu den dauerhaften Zukunftsaufgaben gehören. Natürlich sollen auch diese Zentren jeweils nach fünf bis acht Jahren streng evaluiert werden, aber sie sollen nicht alle fünfundzwanzig Jahre um ihre Existenz kämpfen müssen. Durch ein Bundesland gefördert, existiert bereits seit 1972 ein solches Zentrum an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München: die 1819 durch den Reichsfreiherrn vom Stein gegründete Monumenta Germaniae Historica, die zentrale Editionsreihe der mittelalterlichen deutschen Geschichtsquellen. Neben diese Landesförderung sollte ein entsprechendes Förderprogramm von Bund und Ländern treten.

          Die neu entstehende nationale Forschungsdaten-Infrastruktur (NFDI) bietet Gelegenheit, solche Zentren mit großen digitalen Aufbewahrungsorten zu verbinden, in denen lexikalische Einträge mit Textkorpora verbunden sind und Angebote für internationale Vernetzung gemacht werden können. Die bundesdeutschen Akademien der Wissenschaften von Hamburg bis München haben sich als institutionelle Orte der Unternehmen bewährt: Hier finden sich viele herausragende Experten, die im Rahmen der Projekte arbeiten, sie beaufsichtigen, aber auch ihre Ergebnisse auf diversen Veranstaltungen in die Öffentlichkeit bringen. Man kann von den Forschern des Tibetischen Wörterbuchs auch dann etwas lernen, wenn man am Althochdeutschen arbeitet. Durch solche persönlichen Beziehungen werden zugleich neue Bezüge zwischen den Sprachen sichtbar.

          An den hiermit vorgeschlagenen Zentren sollten sich jeweils mehrere Akademien mit ihren Vorhaben beteiligen und so zusammenarbeiten, wie dies beispielsweise für das „Zentrum für digitale Lexikographie“ die Berliner, Göttinger, Leipziger und Mainzer Akademien tun. Für dieses Zentrum wird voraussichtlich das Bundesministerium für Bildung und Forschung eine mehrjährige Förderung in Aussicht stellen. Bund und Länder sollten diesen ersten Schritt gemeinsam ausbauen und ein erweiterungsfähiges Programm für Zentren auflegen. Selbstverständlich dürfen die Mittel für solche Zentren nicht aus dem bisherigen Akademienprogramm abgezogen werden, sondern müssen zusätzlich aufgebracht werden. Damit würde wieder ein international einzigartiges Instrument für die geistes-, kultur- und sozialwissenschaftliche Forschung bereitgestellt. Zugleich könnte auch dem Standort Deutschland ein weiterer Wettbewerbsvorteil auf diesen Gebieten zukommen. Und ein Problem lösen, das schon vor über hundert Jahren erkannt worden ist. Das alles sollte Anreiz genug sein, alsbald zu handeln.

          Martin Grötschel ist aktuell Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Wilhelm Krull ist Generalsekretär der Volkswagen Stiftung, Christoph Markschies lehrt Kirchengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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