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Geisteswissenschaften : Taxi fahren muss niemand

Bild: Peter von Tresckow / F.A.Z.

Bis Geisteswissenschaftler eine passende Stelle finden, vergehen oft ein paar Jahre. Schneller geht es, wenn sie sich schon während des Studiums Gedanken über die Zukunft machen.

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          Zwei Jahre sind eine lange Zeit, besonders wenn man auf der Suche nach Arbeit ist und ständig abgewiesen wird. Doch so lange hat Tobias Andrä gebraucht, bis er eine feste Anstellung gefunden hat. Mittlerweile ist er glücklich in seinem Beruf. Er ist in Chemnitz in der Ausbildung von Erzieherinnen und Sozialassistenten Dozent für Ethik, Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie Gemeinschaftskunde. Bis dahin war es jedoch „eine ganz schöne Odyssee“, wie er sagt. Im September 2009 war er mit dem Studium fertig. Endlich hatte er seinen guten Magister der Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Erwachsenenbildung und Philosophie in der Tasche und war bereit, in die Arbeitswelt einzusteigen. Doch ganz so einfach wurde es nicht.

          Oliver Kühn
          Redakteur in der Politik.

          Eine ähnliche Geschichte weiß auch Nicole Köhn zu erzählen. Sie hat ihren Abschluss als Übersetzerin für Französisch und Englisch im Sommer 2008 an der Universität Saarbrücken gemacht. Jetzt arbeitet sie für den Limousinenservice eines Autoverleihers in Rostock, mittlerweile schon im dritten Jahr. Doch auch sie musste ein Jahr warten und suchen, bis sie diese Stelle gefunden hat.

          Nach dem Abschluss erst einmal arbeitslos

          Für Kolja Briedis vom Hochschul-Informations-System (HIS) sind das keine neuen Geschichten. Wie Studien des HIS zeigen, geht es vielen Akademikern ähnlich, mehr als 70 Prozent der Absolventen geisteswissenschaftlicher Studiengänge von 2009 waren nach dem Abschluss erst einmal arbeitslos, und nach einem Jahr sind nur gut die Hälfte von ihnen in Lohn und Brot gewesen. Von den Absolventen wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge waren es zu diesem Zeitpunkt schon mehr als 80 Prozent und bei den Informatikern sogar gute 90. Das seien typische Startprobleme der Geisteswissenschaftler, sagt Kolja Briedis. Es dauere oftmals bis zu zwei Jahre, bis sie eine Stelle gefunden haben. Er weiß aber zu berichten, dass nach fünf Jahren bis zu 85 Prozent eines Jahrgangs eine Stelle gefunden haben oder selbständig sind.

          Zwar sind viele Geisteswissenschaftler in ihren ersten Stellen nur befristet beschäftigt, doch zumindest das Stigma von der „Generation Praktikum“ stimmt nicht. Vom Abschlussjahrgang 2009 absolvierten in den ersten 12 Monaten nur bis zu 15 Prozent der Absolventen ein Praktikum. Zwar kann das für den Einzelnen bedeuten, dass er mehrere Praktika machen muss, bevor er engagiert wird, doch von einer flächendeckenden Systematik kann nicht geredet werden.

          Späte Stellensuche

          Tobias Andrä gehört zu den 15 Prozent. Nachdem er schon ein paar Monate arbeitslos war, fand er das Programm IdA (Integration durch Austausch), welches jungen Leuten die Chance bietet, ins Ausland zu gehen. Aufgrund seines Studiums fand er eine Stelle in Wien, in einem Unternehmen, das sich mit Bildung beschäftigte. Dort war es seine Aufgabe, Bildungskonzepte für junge Leute zu entwickeln. Er sei „direkt ins kalte Wasser“ geworfen worden, erzählt er. Im Nachhinein meint er, dass das Praktikum ihm genutzt habe. Das internationale Flair und die interkulturellen Kompetenzen, die er sich angeeignet habe, schätze er besonders.

          Die Schuld daran, dass er nach dem Studium nicht direkt eine Anstellung gefunden hat, findet er teilweise bei sich selbst. Einerseits habe er eine Stelle sicher gehabt, bei einem Bundestagsabgeordneten. Dieser habe jedoch 2009 den Wiedereinzug ins Parlament nicht geschafft. Andererseits habe er sich während des Studiums zu wenig darum gekümmert, was nach dem Abschluss mit ihm werden könnte. Er habe die Berufsplanung immer auf die lange Bank geschoben, sagt er.

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