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Zukunft der Hochschulen : So viel Präsenz wie möglich im Wintersemester

  • -Aktualisiert am

Ein Student notiert sich kurz vor einer Klausur etwas. Sind diese Bilder bald wieder möglich? Studenten in ganz Deutschland haben Hörsäle seit Monaten nicht mehr von innen gesehen. Bild: Finn Winkler

Studierende sitzen seit fast drei Semestern im Homeoffice. Sie müssen so schnell wie möglich in die Präsenzlehre zurückkehren. Was ist zu tun? Ein Gastbeitrag des Präsidenten der Universität Potsdam.

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          Geimpft, genesen oder getestet (GGG) gilt auch für die Hochschulen. Vielleicht jetzt schon, in den letzten Wochen des Sommersemesters – denn jeder soziale Kontakt tut unseren Studenten gut. Jedenfalls aber im Wintersemester: Wenn die Impfkampagne weiter so gut läuft und uns keine impfresistente Virusvariante alles wieder zunichtemacht, müssen die Hochschulen trotz GGG wieder all ihre Freiheiten nutzen. Darf man im Wintersemester auch wieder Digitalveranstaltungen anbieten, fragen Dozenten und Studenten. Ja, wenn es didaktische Erwägungen gibt, die ein digitales oder hybrides Format im Sinne des „flipped classroom“ als sachgerecht erscheinen lassen. Nein, wenn es um Bequemlichkeit geht. Denn wer von ferne studieren will, möge bitte die Angebote der Fernhochschulen nutzen.

          Wir Dozenten haben gelernt, dass digitale Formate uns helfen können, Wissen und Kompetenzen zu vermitteln und dabei auf die große Heterogenität heute einzugehen. Digitale Formate können helfen, leistungsstarke Studierende intensiver herauszufordern. Und sie können Schwächeren mit Zusatzmodulen helfen. Digitale Lehrangebote – klug dosiert und komplementär zu einem inspirierenden gemeinschaftsbildenden Präsenzstudium – werden in Zukunft ein wichtiges Element jeder akademischen Ausbildung sein.

          Schon ein Schachbrettmuster wäre hilfreich

          Wenn im Wintersemester GGG gilt – womit ich derzeit rechne –, konzentriert sich die weitere Planung auf die Frage, was aus Abstands- und Flächenvorgaben wird. Denn daraus ergeben sich unmittelbar die nutzbaren Raumkapazitäten und die Möglichkeiten für Präsenzveranstaltungen. Schon ein Schachbrettmuster mit 50 Prozent Raumnutzung würde uns die meisten Präsenzformate ermöglichen. 1,5 Meter Abstand oder zehn Quadratmeter pro Person sind hingegen problematisch, weil dies unsere Raumkapazitäten schnell auf ein Zehntel ihrer ursprünglichen Größe zusammenschnurren lässt. Politik und Wissenschaft müssen deshalb rasch über die Abstandsregelungen beraten. Diese mögen sich von denen in Schulen und Unternehmen unterscheiden, denn die Arbeitsbedingungen sind nicht vergleichbar. Abhängig vom Ergebnis dieser Beratungen werden wir an den Hochschulen im Wintersemester wieder eine maximale Präsenz ermöglichen. Ebenfalls abhängig davon würden wir lokale Test- und Impfstrategien implementieren, soweit uns das möglich ist.

          Wie wir alle wissen, gibt es nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft keinen Grund, Geimpften den Zugang zu Lehrveranstaltungen zu verwehren. Gleiches gilt mit Einschränkungen für aktuell Getestete. Allerdings wird es internationale Studenten geben, die ohne adäquate Impfungen in Deutschland ankommen. Für sie müssen auf dem Campus Impfangebote bereitgehalten werden. Zweitens wird es Studenten geben, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen. Hier werden wir auf Tests zurückgreifen. Und drittens wird es Studenten geben, die sich aus ideologischen Gründen nicht impfen lassen möchten. Auch hier werden wir Tests anbieten, aber wenn diese nicht genutzt werden, können wir für diese Personen kein Präsenzangebot bereitstellen.

          Großvorlesungen oder Flipped Classroom?

          Alles in allem hoffe ich auf einen Präsenzanteil von mehr als 80 Prozent aller Lehrveranstaltungen. Für die meisten dieser Lehrveranstaltungen wird es kein paralleles digitales oder hybrides Angebot geben. Das wäre für uns Hochschulen schlichtweg nicht leistbar.

          Ob es post Corona eine Zukunft für die klassischen Großvorlesungen gibt, bleibt offen. Viele Hochschullehrer bejahen diese Frage, weil diese der Gemeinschaftsbildung und der Heranführung an die Fachkultur dienen. Ich persönlich bin mir da nicht so sicher, wenngleich ich es über viele Jahre genossen habe, vor vielen Studenten die Einführung in die Wirtschaftsinformatik zu lesen. Aber wäre da nicht ein Flipped-Classroom-Format effizienter, bei dem die Vorlesung digital bereitgestellt wird und die Präsenzzeiten für Übungen und Diskussionen genutzt werden? Die Zukunft wird es weisen.

          Der Autor ist Präsident der Universität Potsdam.

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