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Universität im Radio : Nur weiter im Skript, Herr Professor

  • -Aktualisiert am

Gerd Kadelbach, Leiter der Hauptabteilung Bildung und Erziehung beim Hessischen Rundfunk und Begründer des Funkkollegs Bild: Kurt Bethke

Distanzlehre gab es auch schon vor Corona: Der Frankfurter Schulfunk war eine echte Universitätsveranstaltung im Radio, die Berufstätige, Lehrer und Studenten erreichen sollte. Kann man davon heute lernen?

          4 Min.

          Es war „ein Novum und ein Experiment“, was da am 5. Mai 1966, einem Donnerstag, um 17.15 Uhr im Zweiten Programm des Hessischen Rundfunks auf Sendung ging. In einem prägnanten Einführungsvortrag stellte der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Hans Scheuerl den Hörern „Sinn und Zielbestimmung“ einer neuen Sendereihe vor, die ganz vom Geist der bundesrepublikanischen Bildungsreform durchdrungen war. Im „Funk-Kolleg zum Verständnis der modernen Gesellschaft“ sollten, auf drei Jahre angelegt, „Wissenschaft von der Politik, Neuere Geschichte, Wirtschaftswissenschaft, Jurisprudenz und Soziologie in jeweils vier Vorlesungen durch Ordinarien der Frankfurter Universität ihre Sicht der modernen Gesellschaft und ihren methodischen Zugang zu deren Problemen skizzieren“ – „einführend und in Grundlinien“.

          Dass bei Scheuerl die Disziplinen selbst als Akteure auftraten, war kein Zufall. Mit dem „Funk-Kolleg“ (das bald eingängiger als „Funkkolleg“ firmierte) sollte nicht einfach jene breitenwirksame Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte geboten werden, die Rundfunk und Fernsehen schon etabliert hatten. Hier sollte die Wissenschaft selbst zu Wort kommen, ohne journalistische Vermittlung. „Wir wollen ein exemplarisches Stück Lehrprogramm der Hochschule selbst ausstrahlen: ein Stück Lehrprogramm, das gerade nicht für den Laien umgesetzt, das nicht für die breitere Öffentlichkeit besonders zubereitet und sozusagen in die Sprache der Volkshochschulen und der Erwachsenenbildung übersetzt ist; sondern ein Lehrprogramm, das sich gezielt an einen fachlich von vornherein intensiver interessierten Hörerkreis wendet.“

          „Echte Universitätsveranstaltung im Radio“

          Das Funkkolleg war, so charakterisierte es Jochen Greven, Leiter der Hauptabteilung Bildung und Erziehung beim Hörfunk des HR, 1998 in einem Rückblick, der zugleich das vorläufige Ende des Experiments markierte, „eine echte Universitätsveranstaltung im Radio“ („Biographie eines Bildungsprojekts“, in: Jochen Greven [Hrsg.], Das Funkkolleg 1966–1998. Ein Modell wissenschaftlicher Weiterbildung im Medienverbund. Erfahrungen – Auswertungen – Dokumentation, Weinheim 1998).

          Drei Zielgruppen sollten erreicht werden: Berufstätige, die über die „Begabtenprüfung“ den Hochschulzugang anstrebten; Lehrer, die eine zusätzliche Fakultas (zunächst für das neue Fach Sozial- oder Gemeinschaftskunde) erwerben wollten; Studierende, denen ein Blick über den Tellerrand ihrer Hochschule ermöglicht werden sollte. Dem „Kontaktstudium“, das der Wissenschaftsrat als Form universitär verankerter beruflicher Weiterbildung 1966 in seinen „Empfehlungen zur Neuordnung des Studiums an den wissenschaftlichen Hochschulen“ erfunden hatte, kam zentrale Bedeutung zu.

          Die drei „Väter des Funkkollegs“ waren leidenschaftliche Volksbildner, welche die Wissenschaft neu in der Gesellschaft verankern wollten, zugänglich für alle Bildungswilligen, verantwortungsbewusst, ohne Berührungsängste. Als Rektor der Frankfurter Universität verpflichtete der Schweizer Soziologe Walter Rüegg, nach Habilitation über die Geschichte der Geisteswissenschaften zunächst einige Jahre Manager großer Wirtschaftsverbände, nicht nur seine Dekane zur Mitarbeit – er bestritt im ersten Zyklus auch selbst die soziologischen Vorträge.

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