https://www.faz.net/-gyl-9b431

Fünfzig Jahre 1968 : Adorno zieht

Vor großem Publikum: Theodor W. Adorno hält 1964 den Einführungsvortrag zur Poetik-Vorlesung von Hans Magnus Ezensberger an der Uni Frankfurt. Bild: bpk / Abisag Tüllmann

Die Kritische Theorie, die vor fünfzig Jahren die Studenten faszinierte, bekommt im Jubiläumsjahr 1968 neue Aufmerksamkeit. Wie hat sich der Umgang geändert? Eine Umfrage unter Lehrenden an der Goethe-Uni.

          3 Min.

          Theodor W. Adornos Texte sind die gedruckte Widerlegung der These, dass nur einfache Sprache das Herz der Jugend gewinnt. Heute wie vor 50 Jahren drängen sich Studenten der Uni Frankfurt in Hörsälen und Seminarräumen, um sich in die Dialektik der Aufklärung zu versenken und im Lichte von Marxismus und Psychoanalyse das Wesen der kapitalistischen Gesellschaft erhellt zu bekommen. Fundierte Konsumkritik, das Aufdecken von Herrschaftsmechanismen und Ideen dafür, wie es in der Welt gerechter zugehen könnte – das erhoffen sich viele Linksgesinnte von den Werken Adornos und der anderen Klassiker der Frankfurter Schule.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es gebe ein „sehr starkes Interesse“ an Lehrveranstaltungen zur Kritischen Theorie, stellt Rainer Forst fest. „Wenn Sie dazu ein Seminar anbieten, haben Sie den Saal gerammelt voll“, sagt der Philosoph. Karin Stögner beobachtet das Gleiche. Ihr Seminar über „Politische Bewegungen und ihr Verhältnis zu Universalismus und Partikularismus“ hat mehr als 200 Teilnehmer angelockt. „Es ist eine Herausforderung, mit einer so großen Gruppe zu arbeiten.“ Für die Referate müssen sich jeweils fünf bis acht Leute zusammentun. Jene, die keine Partner finden, können stattdessen eine Klausur schreiben.

          Forst und Stögner gehören zu den Wissenschaftlern, die derzeit an der Goethe-Uni das Erbe von Adorno, Horkheimer und Habermas pflegen und für die Gegenwart fruchtbar machen wollen: Habermas-Schüler Forst ist Inhaber des Lehrstuhls für Politische Theorie und Philosophie; seine österreichische Kollegin hat momentan in Frankfurt die Gastprofessur für kritische Gesellschaftstheorie inne.

          Karin Stögner, Gastprofessorin für Kritische Gesellschaftstheorie an der Goethe-Universität

          Dass sich in Stögners Seminaren nicht unbedingt konservative junge Menschen versammeln, die ihr Weltbild hinterfragen wollen, bestätigt die Soziologin: Viele der Teilnehmer engagierten sich politisch, etwa in antifaschistischen oder queer-feministischen Gruppen. „Die meisten sind dem linken Spektrum zuzuordnen, wobei es ja innerhalb der Linken sehr unterschiedliche Strömungen gibt.“

          Es dürfte denn auch nicht allen ihrer Zuhörer gefallen, was die Forscherin etwa zur Identitätspolitik sagt, von der heimattümelnde AfD-Anhänger in diesen Tagen genauso fasziniert scheinen wie manche in Gruppenbefindlichkeiten befangene Gender-Aktivisten. Stögner stört es, dass derzeit in der Gesellschaft kollektive Identitäten so stark betont werden: „Wir sollten davon wegkommen und uns mehr mit der Frage befassen, warum das Individuum in den Hintergrund gedrängt wird und was unsere gemeinsamen Probleme sind.“

          Solch differenzierte Überlegungen erfreuen das Gemüt des revolutionär denkenden Studenten freilich weniger als Ideen wie die von Stögners Gastprofessoren-Vorgänger Daniel Loick: Der hatte in einem Zeitungsbeitrag vorgeschlagen, die Polizei abzuschaffen, weil sie ein „strukturelles Risiko für die Demokratie“ sei. Leibniz-Preisträger Forst will das Gedankenexperiment seines Kollegen nicht kommentieren. Nur so viel sagt er: „Kritisches Denken muss sich auch die Freiheit zum Utopischen und Radikalen nehmen können.“

          Das zumindest werden die Aktivisten der Studenten-Initiative „Beziehungsweise Kritik“ sofort unterschreiben. Ansonsten lässt ihre – selbstverständlich basisdemokratisch im Kollektiv verfasste – Stellungnahme ein eher kühles Verhältnis zu Forst erkennen, dem die Verfasser mangelndes Engagement in der Lehre vorwerfen. Für die angehenden Geisteswissenschaftler, die auch eine Verstetigung von Loicks Professur gefordert hatten, steht eines fest: Die Goethe-Uni tue zu wenig, um die Tradition Horkheimers und Adornos fortzuführen. Die „völlig überfüllten Seminare und überarbeiteten Dozierenden“ belegten, dass das Angebot nicht ausreiche. Dabei sei gerade in Zeiten des erstarkenden „rechten Autoritarismus“ und der „marktkonformen Demokratie“ die Fähigkeit zur kritischen Analyse wichtiger denn je.

          Rainer Forst, Philosophie-Professor an der Goethe-Universität

          Durch eigene Projekte wie der „Open University“, in der „freie Seminare“ etwa zu den Themen Migration und Solidarität angeboten werden, will die Gruppe dem von ihr beklagten Mangel abhelfen. Sie fordert aber auch von der Universität mehr Engagement: „Mittelfristig“ müsse sie eine reguläre Professur für Kritische Theorie mit zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern und vier studentischen Hilfskräften einrichten. Und auf lange Sicht sei es nötig, in allen Fachbereichen ein „breites Angebot an kritischen Seminaren“ zu schaffen.

          Auch Rainer Forst hätte nichts dagegen, wenn die Gastprofessur für Kritische Theorie verstetigt würde. „Es wäre schön, wenn sich dafür ein Stifter fände.“ Wichtiger ist ihm aber, dass die Denkmodelle von Horkheimer bis Habermas in vielen Instituten lebendig bleiben. „Die Frankfurter Schule zeichnete sich ja gerade dadurch aus, dass Vertreter verschiedener Disziplinen dort zusammengearbeitet haben; das kann man nicht in einer Professur verdichten.“

          Überhaupt warnt Forst davor, die Kritische Theorie durch Einengung auf die Heroen der Vergangenheit zu musealisieren. Damit sie aktuell bleibe, müsse sie neue Ansätze einbeziehen, etwa aus der Gender- und Postkolonialismusforschung. Auch auf mögliche „eurozentristische“ Sichtweisen müsse sie überprüft werden. „Wir müssen deshalb noch stärker den internationalen Dialog pflegen.“ Auf Aktualisierung der Adornoschen Gedankengebäude ist auch Stögner bedacht, die unter anderem versucht, Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit mit Hilfe der Kritischen Theorie zu erklären.

          Gegenwartsnäher wird die Beschäftigung mit den Arbeiten der Achtundsechziger-Vordenker dadurch auf jeden Fall, aber nicht weniger anspruchsvoll. Stögner mahnt denn auch ihre Seminarteilnehmer, sich an den Text-Monumenten nicht zu verheben: „Der Anspruch, sie sofort zu verstehen, kann nur enttäuscht werden.“ Manchmal sei es sogar schwierig zu formulieren, was man nicht verstanden habe. Aber: „Die Studenten ringen mit den Texten, sie wollen sie verstehen und diskutieren intensiv darüber, und das ist für mich als Lehrende eine schöne Erfahrung.“

          Weitere Themen

          Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane Video-Seite öffnen

          Festnahme : Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane

          Auf der Art Basel in Miami hat ein Performance-Künstler eine an die Wand geklebte Banane aufgegessen, die ein Werk des Italieners Maurizio Cattelan und bereits für einen sechsstelligen Betrag verkauft worden war.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.