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Führungsqualitäten : Immer schön authentisch bleiben

Kompetenz und Charakter spielen im Berufsleben die größte Rolle Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Authentizität gilt im Berufsleben als Ausweis von Führungsqualitäten. Doch immer mehr Manager verbiegen sich, um diesem Idealbild zu entsprechen. Die Fähigkeit, andere zu motivieren, bleibt dabei immer öfter auf der Strecke.

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          Der Manager mühte sich in seinem Strategievortrag redlich, die 100 Zuhörer zu beeindrucken. Aus Angst, derb zu wirken, unterdrückte der Berliner seinen Wortwitz. Angestrengt mühte sich der 38 Jahre alte Mitarbeiter eines Personaldienstleistungsunternehmens, sein „icke“ zu umgehen und seriös aufzutreten - oder besser: So in Erscheinung zu treten, wie es seinem Bild, das er sich von einer Führungskraft gemacht hatte, entsprach. Und dazu gehört gestochenes Hochdeutsch.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Die Rede kam nicht an, der Mann kam nicht an. Denn andere befremdet ein unnatürlicher Rollenwechsel. Es vermittelt ein klebriges Gefühl, wenn jemand nicht so ist, wie er ist. Und nicht so auftritt, wie es ihm und seinem Temperament entspricht. Der Manager suchte Rat bei Annette Glitz. Die promovierte Psychologin von der Münchener Management Consulting ist häufig mit Menschen konfrontiert, die sich im Berufsleben nicht authentisch verhalten. „Eine als authentisch bezeichnete Person wirkt besonders echt und vermittelt ein Bild von sich, das als real, urwüchsig, unverbogen, ungekünstelt wahrgenommen wird“, informiert die Internet-Enzyklopädie. „Unauthentisches Verhalten auf Dauer deformiert die Persönlichkeit, begrenzt die Wirksamkeit und macht einsam“, sagt die Berliner Psychologin und Trainerin Brigitte Scheidt.

          Vielzitiertes Plastikwort

          Authentizität hat als vielzitiertes Plastikwort in der Managementliteratur eine zweifelhafte Karriere gemacht. Alle fordern sie ein. Darin besteht ein Dilemma flüchtiger Jeder-ist-zu-allem-fähig-Seminare: Energisch werden die Teilnehmer angehalten, aggressiver, sanfter oder diplomatischer zu sein - ganz gleich, ob das ihrem Wesen entspricht. Der diplomierten Trockenmöhre, die zum Lachen in den Keller geht, wird Humor verordnet und die Aufgabe, öfter einen Scherz zu machen. In der Schlußrunde folgt der Alibisatz: Bleiben Sie bloß authentisch! Diese Quadratur des Kreises funktioniert nicht.

          Wie nähert man sich dem Anspruch, immer schön authentisch zu sein, denn realistischer? Annette Glitz ermutigte den verkrampften Redner zu Natürlichkeit: Was spricht denn dagegen, einen bodenständigen Witz zu machen? Das paßt schon, sagen an dieser Stelle die Bayern. So ermutigt, legte der - inhaltlich selbstverständlich gut vorbereitete - Berliner bei einem Vortrag vor Führungskräften seine Stichwortkarten weg und sprach „frei Schnauze“. Er konzentrierte sich nicht mehr auf das Anderssein, seine vielen Ideen flossen frei, er präsentierte sie überzeugend.

          „Ganz technisch“

          „Viel zu viele Führungskräfte rennen einem Managerbild hinterher, das ihnen nicht entspricht“, wundert sich Annette Glitz, „das geht bis hin zu Äußerlichkeiten und den immer gleichen Anzügen.“ Sie referiert die ungeschriebene Checkliste: Manager haben Daten, Zahlen, Fakten allzeit abrufbereit im Kopf. Sie können alles superschnell analysieren und sofort Rede und Antwort stehen. Sie haben Trends und wirtschaftliche Entwicklungen stets präsent und bleiben „ganz technisch“. Sie zeigen keine Emotionen - diese Seite leben sie nur in der Familie aus. Menschlich klingt das nicht, lebendig erst recht nicht.

          Aber diese Klischees halten sich hartnäckig, und ihnen eifern die Unsicheren nach. Hinzu kommen eigene Erfahrungen, sagt Alexandra Altmann, Geschäftsführerin vom Münchener Leadership Institut Franklin Covey: „Was man in der eigenen Geschäftsführung sieht, das wird als Maßstab genommen.“ Die Organisationspsychologin, die Partnerin bei der Unternehmensberatung Accenture war, sagt: „Jede Führungskraft muß bei sich selber anfangen, aber viele sind nur aufs Image aus.

          Es geht nicht nur darum, die Techniken des Delegierens zu beherrschen, es ist immer auch eine Frage der inneren Haltung. Bist du eine effektive Persönlichkeit, dann kannst du andere motivieren, effektiv zu sein.“ Eine amerikanische Studie gibt ihr recht, die untersucht hat, wer es an die Spitze eines Unternehmens bringt: „Das sind die ganzheitlichen Persönlichkeiten, die sich Zeit für die Familie nehmen, für Hobbies und ihre verschiedenen Bedürfnisse in Einklang bekommen. Das ist ein Teil von Authentizität.“

          „Kern der Vision“

          Gerne provoziert Altmann mit einer Frage: Wieviel Zeit verbringen Sie mit Urlaubsplanung? Die meisten fangen Monate vorher an. Und wieviel Zeit verbringen Sie damit, Ihr Leben zu planen? Eigentlich keine. Positionierte Persönlichkeiten setzen andere Prioritäten. „Sie bieten anderen Orientierung, weil sie selber orientiert sind und Vorbildfunktion übernehmen. Es ist im Leben viel wichtiger, einen Kompaß zu haben als eine Uhr.“ Vielen Aufstrebenden ist aber unklar, was im Leben tatsächlich zählt.

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