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Führungskräftetraining : Von Lamas lernen

  • -Aktualisiert am

Lamas folgen nur einem Anführer, den sie akzeptieren Bild: Archiv

Da helfen weder Druck noch Schmeicheleien: Herdentiere suchen sich ihre Anführer selbst aus. Das ist bei Lamas nicht anders als im Berufsalltag.

          3 Min.

          So eine richtige Vorstellung hatte Johannes Kaschitz, wirtschaftlicher Mitarbeiter der Magistratsdirektion im österreichischen Klagenfurt, nicht, als er sich für das Führungskräftetraining „Lamatrekking“ anmeldete. Spannend fand er zunächst nur die Idee, dabei mit Tieren und in der Natur zu arbeiten. Und sehr viel konkreter - was Lamas und Führung betrifft - ist seine Vorstellung auch nicht, als er einige Wochen später nach zwei Stunden Theorie mit Manfred Wagner, dem Inhaber der Salzburger Trainingsinstituts ICH-Training, am Lamagehege in Dellach im österreichischen Gailtal steht. Der Personaltrainer diskutierte mit den Teilnehmern zunächst die eigenen Fähigkeiten und ließ sie dann sich selbst als ideale Führungskraft erfinden. Was möchte und was muss man am eigenen Führungsverhalten verändern, lautete die Frage.

          Mit dieser Frage im Hinterkopf geht es jetzt daran, das Tier auszuwählen, mit dem man die Tour machen möchte. Jeder Teilnehmer wird ein eigenes Lama führen. Wie das - zumindest theoretisch - geht, zeigt Trekführer Johann Kanzian. Er beschäftigt sich seit 2002 mit der Haltung von Lamas und bietet Touren unterschiedlicher Art an. Für Urlauber der umliegenden Hotels oder Vereine ebenso wie für verhaltensauffällige Kinder, die mit Hilfe der Tiere therapiert werden. Auf acht Wallache ist die Herde inzwischen angewachsen, sechs davon haben für den heutigen Tag einen neuen Führer.

          Die Hälfte der Mannschaft bockt

          Der Anfang scheint einfach. Nur eine kurze Strecke zu einem kleinen Berggehöft, damit sich Lama und Führer aneinander gewöhnen. Danach geht es über einen kleinen Geschicklichkeitsparcours, und schon hier spüren die Teilnehmer, was es heißt, (ein Lama) zu führen. Balou, der vierjährige Wallach, den Teilnehmer Kaschitz gewählt hat, verweigert sich schlicht, mit seinem neuen Führer einen Folientunnel zu durchqueren. Und er ist nicht der Einzige. Die Hälfte der Mannschaft mag ihrer Führungskraft nicht folgen. Eine Situation, die allen Teilnehmern auch im Alltag nicht fremd ist.

          Gemeinsam den Weg finden: nicht immer einfach Bilderstrecke

          Lamas, erklärt Kanzian, eignen sich deswegen so gut für Führungskräftetrainings, weil sie Herden- und Fluchttiere sind. Das heißt, dass sie sich überhaupt nur dann auf einen gemeinsamen Weg einlassen, wenn sie den Menschen als Führer anerkennen und Vertrauen zu ihm haben. Aber: „Mit Dominanz oder Druck geht gar nichts.“ Für viele Führungskräfte zwar nicht unbedingt eine neue, aber mitten in der Natur doch eine unmittelbare Erkenntnis. Das erlebt auch Silke Philipp-Odermatt immer wieder. „Denn ein Lama verweigert sich nicht still, es bleibt einfach stehen oder geht andere Wege.“ Die ausgebildete Psychologin bietet seit 2005 im hessischen Alsfeld-Lingelbach Lama-Seminare an.

          „Wahrnehmen, beobachten und einfühlen“

          Ihre Einschätzung: Lamas sind hochsensibel und reagieren sofort. Damit spiegeln sie dem Führer fast eins zu eins wider, welche Reaktionen sein Verhalten auslöst. Das Gemeine dabei: Auch die Kuschelstrategie bringt Lama-Führern wenig. „Denn dann macht das Tier erst recht, was es will.“ Doch wie sieht der richtige Umgang aus? Diese Frage kann weder Psychologin Philipp-Odermatt noch Trainer Wagner beantworten. Denn den allgemein richtigen Umgang mit den Tieren gibt es schon deswegen nicht, weil auch in der Herde keines wie das andere ist. Black Jack ist abwartend, auch Baron kann nur wenig aus der Ruhe bringen, Balou dagegen ist manchmal ein wenig zu eifrig, Cesar drängelt sich gerne nach vorne ...

          „Wahrnehmen, beobachten und einfühlen“, erläutert Trainer Wagner, sind die Schlüsselkompetenzen. Dies gelte für das Lamatrekking wie für den Berufsalltag. Nur wer es schafft, tier- und situationsbezogen zu agieren, gewinnt das Vertrauen. Hier in den Karnischen Alpen ist das nicht immer ganz einfach: Unruhig wandern Mensch und Tier los, zuerst über eine schmale Brücke hinein in den Wald, wo immer wieder umgestürzte Bäume überwunden werden müssen. Dann über einen steilen Pfad zur Burgruine Goldenstein hinauf. Hin und wieder muss Führer Kanzian helfen, zum Beispiel an einer 30 Meter langen Hangbrücke mit nassen Brettern, die nur von drei Tandems fehlerfrei gemeistert wird. Balou mag auch hier nicht.

          Das Tier ähnelt ihnen selbst

          Zweieinhalb Stunden dauert der Marsch, der auch einiges an Kondition verlangt. Doch nach und nach kehrt Ruhe ein in die Gruppe. Während des Abstiegs ist es zu Kanzians Freude mucksmäuschenstill. Alle Menschen und alle Lamas gehen im Gleichschritt, alle Abstände werden eingehalten. Alle Führer haben den Draht zu ihrem „Mitarbeiter“ gefunden. Doch damit ist die tierische Lehrstunde noch nicht zu Ende. Nach dem Ableinen folgt noch einmal Theorie. Anhand des DISC-Modells erläutert Trainer Wagner die vier verschiedenen Verhaltenstypen, die jeder Mensch in sich trägt - nur in unterschiedlicher Ausprägung: dominantes, inspirierendes, unterstützendes und kontrollierendes Verhalten.

          Für alle überraschend: Auch bei den Lamas finden sich laut Wagner diese Eigenschaften. Zuerst löst er mit dieser Aussage großes Geraune aus. Doch schnell sind sich die Teilnehmer in ihrer Verblüffung einig: Das Tier, zu dem sie sich vermeintlich spontan hingezogen fühlten, ähnelt ihnen selbst. „Und das fast zu hundert Prozent“, wie sich nicht nur Teilnehmer Kaschitz wundert. Warum das so ist, können Kanzian und Wagner auch nicht erklären. Und doch erleben sie es auf allen Touren. Psychologin Philipp-Odermatt geht noch einen Schritt weiter. Nicht der Mensch wählt ihrer Meinung nach sein Tier, „sondern andersherum“.

          Teilnehmer Johannes Kaschitz ist das egal. Denn kaum ist ihm die Parallelität bewusst, wird das Ergebnis des Seminars sehr konkret. Spontan fallen ihm und den anderen Seminarteilnehmern gleich zig Erlebnisse aus dem Führungsalltag ein, die denen am Berg ähneln - und die sie künftig besser machen wollen. Die größte Erkenntnis, die Kaschitz mit nach Hause nimmt, klingt auf den ersten Blick banal: „Wenn ich etwas erreichen will, muss ich meinen Führungsstil den jeweiligen Situationen und Mitarbeitern anpassen.“ Gehört, räumt Kaschitz ein, hat er das schon häufig. Gezeigt hat es ihm erst Balou.

          Anbieter von Lama-Seminaren

          Lamatrekking, Rosanna & Johann Kanzian, A-Dellach im Gailtal;
          www.lamatrekking.at

          Ich-Training, Manfred Wagner, A-Villach; www.ichtraining.at

          Vogelsberglamas & Trekkingesel , Silke Philipp-Odermatt, D-Alsfeld-Lingelbach; www.vogelsberglamas.de

          Prachtlamas, Beate Pracht, D-Gelsenkirchen; www.prachtlamas.de
           

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