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Lohngerechtigkeit : Reden wir über Geld!

Die Personalberaterin Angela Hornberg ermutigt auch Privatunternehmen wie die Citigroup und ihren Personalleiter Irmer dazu, für jede Stelle die Aufgabenbeschreibung und das Gehalt offenzulegen. „Das würde viel Zeit und Energie im Unternehmen freisetzen, die bisher in Gehaltsverhandlungen investiert werden.“ Außerdem gehe durch eine „gefühlt ungerechte“ Bezahlung viel Motivation verloren. „Das sind versteckte Kosten, die maßgeblich den Erfolg des Unternehmens bremsen“, argumentiert Hornberg.

Es gibt allerdings auch andere Sichtweisen. Studien der Harvard-Ökonomin Zoe Cullen etwa deuten darauf hin, dass Gehaltstransparenz die Gehaltsniveaus in Unternehmen insgesamt senkt. Auch Irmer ist gegen ein komplettes Offenlegen der Gehälter. „Ebenso wie die Aufgabenbeschreibung ist das Gehalt vor allem Gegenstand des Verhältnisses zwischen Unternehmen und Mitarbeiter.“ Eine Bank wie Citi beschäftige zahlreiche Spezialisten, deren Aufgabenbeschreibung schwer mit der anderer Kollegen vergleichbar sei.

„Auf dieser Basis bewerten wir die Leistung unserer Mitarbeiter, das ist ein System, das strengen Regeln folgt. Ich habe Zweifel, wem das nutzen soll, wenn wir das öffentlich machen“, sagt Irmer. Anscheinend schwingt auch die Sorge mit, Mitarbeiter könnten von Konkurrenten abgeworben werden, wenn ihr Gehalt leicht auffindbar sei und die Citi die einzige Bank wäre, die derart transparent ist. Wichtig sei, vermeintliche Gehaltsunterschiede in der Belegschaft mit Blick auf objektive Faktoren wie Geschlecht, Herkunft, Religion und sexuelle Orientierung zu beseitigen. „Auf diesem Wege würde man das Thema Gehälter entkrampfen“, sagt Irmer.

„Wir brauchen eine andere Unternehmenskultur in Deutschland“

Anderswo ist das schon gang und gäbe: In Island etwa ist seit 2018 ein Gesetz in Kraft, das Unternehmen mit mehr als 25 Mitarbeitern verpflichtet, Frauen und Männer in gleicher Position gleich zu bezahlen. Ab 2020 droht eine Strafzahlung von rund 385 Euro je Tag. Zudem werden alle Verstöße veröffentlicht. Diesen Ansatz verfolgt auch Großbritannien. Hier müssen seit 2018 alle Arbeitgeber mit mehr als 250 Angestellten jedes Jahr die Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern offenlegen. Auf einer Internetseite der Regierung sind diese für jeden einsehbar. Das zeigt offenbar Wirkung. Der neue Easy-Jet-Chef etwa kürzte sich kurz nach Inkrafttreten des Gesetzes selbst das Gehalt auf das Niveau seiner Vorgängerin.

Dabei zeigen die Zahlen aus Großbritannien, dass es besonders im Finanzsektor Lücken gibt. Citigroup etwa hat hier für 2017 offengelegt, dass Mitarbeiterinnen im Mittel („Gehaltsmedian“) 30 Prozent weniger verdienen als Mitarbeiter. Der Hauptgrund ist aber nicht Ungleichbehandlung von Männern und Frauen in gleichen Positionen, sondern: Nur 11 Prozent der bestbezahlten Stellen haben Frauen inne. Auch auf mittlerem Gehaltsniveau sieht es nicht viel besser aus. Das allerdings soll sich ändern. „Wir wollen im mittleren Management bald weltweit einen Frauenanteil von mindestens 40 Prozent haben“, sagt Irmer.

Henrike von Platen begrüßt solche Initiativen: „Wir brauchen eine andere Unternehmenskultur in Deutschland“, sagt sie. Gehältergerechtigkeit sei dabei nur ein Anfang – wenn auch ein wichtiger.

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