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Schule und Protest : Wie man demonstriert, ohne zu demonstrieren

  • -Aktualisiert am

„Fridays for Future“-Demonstration in Rostock am 15. März. Gingen die Schüler nicht während der Schulzeit auf die Straße, wäre es kein richtiger Protest. Das bringt jedoch Nachteile. Bild: dpa

Viele Schüler gehen gegenwärtig an Freitagen für mehr Klimaschutz auf die Straße und riskieren damit einen Schulverweis. Wie man diesem Dilemma entrinnt, haben vor zwanzig Jahren gewitzte Schüler in Bayern gezeigt.

          3 Min.

          Gegenwärtig demonstrieren sehr viele Schüler an Freitagen dafür, dass mehr gegen den Klimawandel und für ihre Zukunft getan wird. Man kann das aus guten Gründen begrüßen. Man kann auch nachvollziehen, dass die Schüler das während der Schulzeit machen: Sonst wäre es kein richtiger Protest, sonst würde die Politik nie reagieren. Unbestritten ist allerdings auch, dass das Ganze mit Nachteilen für die Schüler verbunden ist. Sie versäumen Unterrichtsstoff und laufen Gefahr, einen Schulverweis zu bekommen.

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Wie man diesem Dilemma entrinnen kann, haben vor gut zwanzig Jahren ein paar Schüler an einem bayerischen Gymnasium gezeigt. Es war die Zeit, als Kultusminister Hans Zehetmair von der CSU zur großen Hochschulreform ansetzte. Er beabsichtigte zum Beispiel, Hochschulräte einzusetzen: Gremien, die mit externen Vertretern etwa aus der Wirtschaft frischen Wind an die Unis bringen sollten. Viele Studenten befürchteten damals eine Ökonomisierung des Studiums. Außerdem wehrten sie sich gegen Überlegungen der Staatsregierung, Studiengebühren einzuführen.

          Schüler sind die Studenten von morgen. Daher rief an besagtem bayerischen Gymnasium die damalige Schülermitverantwortung die Schüler, zumal die aus der Oberstufe, dazu auf, sich mit den Studenten zu solidarisieren und an einer Demo teilzunehmen – auch die sollte während der Schulzeit stattfinden. Bei den Mitgliedern der Kollegstufe 13 ging es allerdings gerade schnurstracks aufs Abitur zu, eine wichtige Klassenarbeit kollidierte mit dem Demotermin. Sollte man für die eigene Zukunft kämpfen, indem man sie aufs Spiel setzte?

          In dieser Situation ersannen die insgesamt neun Schüler eine List. Vermutlich aus dem Raum für Kunsterziehung besorgten sie sich ein Klebeband, ein großes Stück festes Papier sowie einen dicken Filzstift. Woher der Fotoapparat kam, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen. Jedenfalls klebten die neun das Tape auf ihre Münder, als Symbol ihrer Angst, mundtot gemacht zu werden.

          Auf das Papier schrieben sie im Unterton der Selbstermächtigung, der ein Vorrecht der Jugend ist: „Auch wir sind irgendwann Studenten, und dann, Herr Zehetmaier, werden wir uns an Sie erinnern.“ Dass sie den Namen des Ministers falsch schrieben, zeigte, dass sie gut daran taten, dem Unterricht nicht fernzubleiben.

          Claas Relotius hätte seine helle Freude gehabt

          Tatsächlich dauerte die Protestaktion kaum eine Minute. Die neun stellten sich mit den Protestutensilien in den Mittelgang, in dem sie üblicherweise die große Pause verbrachten: Foto, fertig. Das Entscheidende folgte dann. Die Schüler verfassten eine Art Pressemitteilung über den Protest, an der Claas Relotius seine helle Freude gehabt hätte. Die schickten sie samt Foto an die örtliche Zeitung. In der erschien kurz darauf ein stattlicher Artikel, der die Pressemitteilung quasi eins zu eins übernahm:

          „Als künftige Studenten haben sich . . . die Schülerinnen und Schüler der K 13 . . . mit den demonstrierenden Studenten solidarisch erklärt. In Arbeitskreisen und Diskussionsrunden wurde die Lage an den Hochschulen besprochen, mit Wandzeitungen wurde auf die bildungspolitische Misere hingewiesen und Abhilfe gefordert. Trotz einer am anderen Tag anstehenden Schulaufgabe blieb die Kollegstufe in der Schule und übernachtete auch in den Räumen des Gymnasiums. Am frühen Morgen wurden die Wandzeitungen angebracht, die eintreffenden Schüler der anderen Klassen wurden ,abgefangen‘ und – wie auch einige Lehrer – in die Diskussionen eingebunden.“

          Im Artikel ist natürlich auch von den Klebebändern die Rede, außerdem wird erwähnt, dass der Protest nach drei Stunden „wie geplant“ beendet worden sei.

          Der Bericht erregte großes Aufsehen, nicht zuletzt an der Schule selbst. Wie so oft bei Revolten traf es auch hier völlig Unschuldige. Der Direktor, der die neun Schüler in sein Büro zitierte, fragte, ob sie eigentlich auch nur einen blassen Schimmer davon hätten, in welche Verlegenheit sie durch ihre Aktion den Hausmeister gebracht hätten. Der hatte nämlich als Herr über die Schulschlüssel dafür zu sorgen, dass sich keine Schüler nachts im Schulgebäude aufhalten – auch nicht, um dort angeblich „Wandzeitungen“ zu basteln.

          Insgesamt reagierte der Direktor, der übrigens Aristoteles im Original las, sehr kultiviert. Kein Verweis, kein Eintrag im Zeugnis, kein Nachsitzen, kein Nachtreten. Es war ja auch keinerlei Unterrichtszeit vergeudet worden. Und Erfolg hatte der Protest in gewisser Weise auch. Zwar wurden die Studiengebühren erst mal eingeführt, später schaffte die Politik sie aber wieder ab.

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