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Frauenquote : Wenn Mama rasch ins Meeting muss

Öfter mal Rock wagen Bild: dapd

Politik und Wirtschaft wollen den Anteil der Chefinnen erhöhen. Doch Quoten allein helfen nicht. Volkswagen will Müttern mit einem Betreuungsnotruf den Weg ebnen.

          2 Min.

          Wie viele Mütter und Väter haben das nicht schon erlebt? Der Kleine liegt morgens mit Fieber im Bett; der Babysitter hat keine Zeit; ein dringender dienstlicher Termin zerschießt den freien Tag. Mit wildem Improvisieren findet sich häufig, aber längst nicht immer eine Lösung. Wer allerdings in Wolfsburg bei Volkswagen arbeitet, ist in solchen Fällen fein raus. Der Autokonzern hat gemeinsam mit der Stadt Wolfsburg einen rund um die Uhr erreichbaren Kinderbetreuungs-Notruf eingerichtet. Dort können sich die Mitarbeiter unabhängig von Rang und Funktion kurzfristig und für maximal zwei Tage hintereinander einen professionellen Kinderbetreuer ins Haus rufen - gegen Bezahlung, versteht sich.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Dieser Service ist Teil der VW-Strategie, Beruf und Familie besser zu vereinbaren und somit auch die Zahl der Frauen in Führungspositionen schrittweise zu erhöhen. Die Wolfsburger haben das auch dringend nötig. Denn mit einem Frauenanteil im Top-Management von nur etwas mehr als 4 Prozent liegt Europas größter Automobilhersteller unter den deutschen Konzernen auf dem letzten Platz und weit hinter den Spitzenreitern Henkel (28,5 Prozent) und Adidas (26 Prozent) zurück. Doch VW ist in guter Gesellschaft. Von den stark technikgetriebenen Konzernen erreicht kaum einer die Marke von 15 Prozent, die meisten dümpeln im einstelligen Bereich herum.

          Drastische Worte

          Deshalb dürften gerade deren Personalmanager heilfroh darüber sein, dass der jüngste Quotengipfel in Berlin keine konkreten gesetzlichen Vorgaben für die 30 im Deutschen Aktienindex notierten Konzerne hervorbrachte. Vor allem Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen entpuppt sich bislang als Quotenfrau, die bis zum Jahr 2018 jeden dritten Vorstandsposten von einer Frau besetzt sehen will. Gegen solche Pauschalvorgaben läuft insbesondere die Industrie Sturm. Das Geschlecht könne nicht vor Qualifizierung gehen, lautet die Kritik. Und bislang gebe es einfach noch nicht genügend qualifizierte Kandidatinnen.

          Auch große Familienunternehmen stimmen ein. Nicht alle sind dabei so drastisch in der Wortwahl wie Nicola Leibinger-Kammüller. „Die drei Damen in Berlin sollen sich mit anderen Sachen beschäftigen“, lautete der Rat der Chefin des schwäbischen Technologiekonzerns Trumpf an die Adresse von der Leyens und ihrer beiden Ministerkolleginnen Kristina Schröder (Familien) und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Justiz). Bosch-Chef Franz Fehrenbach, der Vorsitzende der Geschäftsführung des Automobilzulieferers Bosch, sieht die Sache differenzierter. „Der einzig gangbare Weg ist, von innen heraus zu wachsen. Wer von außen in einen großen Organismus gesetzt wird, hat es schwer, das Vertrauen der Mannschaft zu bekommen.“ Es müsse stattdessen diskutiert werden, wie Frauen auf ihrem Vormarsch Türen geöffnet und Wege geebnet werden können. Bosch will den Frauenanteil in Führungspositionen von derzeit 10 Prozent bis Ende 2012 auf 15 Prozent erhöhen.

          Nach oben „durchwachsen“

          Das sieht man im Volkswagen-Konzern ähnlich. Es dauere seine Zeit, bis der weibliche Führungsnachwuchs bis nach ganz oben „durchwächst“. Der Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn glaubt jedenfalls nicht, dass es in seiner Amtszeit bis 2016 eine Frau bis in den Vorstand schafft. Im vergangenen Jahr waren 22 Prozent der von VW eingestellten Hochschulabsolventen, die Maschinenbau, Elektrotechnik, Informatik oder Wirtschaftsingenieurwissenschaften studiert haben, weiblich. Das entspricht auch der weiblichen Abschlussquote in diesen Fächern. VW will diesen Anteil bis 2020 auf 28 Prozent erhöhen. Dadurch soll der Frauenanteil im Management in der gleichen Zeit von 10 auf 15 Prozent steigen. Im oberen Management strebt VW eine Quote von 12 Prozent an nach 6,5 Prozent im vergangenen Jahr. Die besonders mageren 4 Prozent Frauen auf der Ebene des Top-Managements unterhalb des Konzernvorstands (Bereichsleiter, Geschäftsführer) sollen auf 11 Prozent anwachsen. Im gewerblich-technischen Ausbildungsbereich will der Konzern in Deutschland bis 2020 möglichst 30 Prozent Frauen beschäftigen. Zuletzt waren es 21 Prozent.

          Wer als VW-Manager Frauen einstellt und fördert, spürt dies in der eigenen Tasche. Denn Volkswagen hat die Förderung von Frauen in die persönlichen Zielvereinbarungen für die Boni ihrer Führungskräfte aufgenommen.

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