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Frauenkarrieren : Spitzen-Frauen

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Margret Suckale hat es in den Vorstand von BASF geschafft. Bild: BASF

Margret Suckale, Bettina Limperg und Brigitte Zypries sind besondere Karrieren gelungen. Mut, Neugier und Teamkompetenz haben die drei Juristinnen dabei vorangebracht.

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          Eigentlich wollte Margret Suckale Richterin werden, mit einem Schwerpunkt in Handels- und Gesellschaftsrecht. Ihre Examensnoten hätten das locker zugelassen, Suckale entschied sich jedoch zunächst für eine Tätigkeit in einem Unternehmen. „Um später als Richterin bessere Urteile fällen zu können, wollte ich mir einen Einblick verschaffen, wie es in der Wirtschaft zugeht“, so die heute 60-Jährige. Suckale begann als Syndikusanwältin bei der Mobil Oil AG, wo sie europaweit verschiedene Bereiche verantwortete. Die Aufgaben gefielen ihr so gut, dass sie ihren Plan, nach zwei Jahren in die Justiz zu wechseln, verwarf und Managerin blieb. Berufsbegleitend erwarb sie einen MBA und einen Executive Master of European and International Business Law. Von 1997 bis 2009 war die Juristin in Führungspositionen für die Deutsche Bahn tätig, seit knapp acht Jahren arbeitet sie bei BASF, wo sie 2011 in den Vorstand berufen wurde – als erste Frau in der 150-jährigen Unternehmensgeschichte.

          „Sie ist die erste Frau in dieser Position.“ Dieser Satz fällt oft, wenn es darum geht, dass die Spitze eines Konzerns oder auch einer öffentlichen Institution weiblich besetzt ist. Laut dem „Mixed Leadership-Barometer“ von Ernst & Young waren im Sommer 2016 gerade einmal 6,4 Prozent aller Vorstandsmitglieder deutscher börsennotierter Unternehmen Frauen. In absoluten Zahlen sind das 43 weibliche im Verhältnis zu 627 männlichen Vorständen. In mehr als drei von vier Unternehmen sei die oberste Ebene weiterhin ausschließlich mit Männern besetzt, so die Studie. Wie stark indes Juristinnen in den Chefetagen vertreten sind, lässt sich schwer sagen. Personalberaterin Sylvia Tarves schätzt, dass in den Toppositionen mehr Juristinnen und BWLerinnen sitzen als Absolventinnen anderer Fachrichtungen. Laut Ursula Matthiessen-Kreuder vom Deutschen Juristinnenbund (djb) ist – genauso wie bei den Männern – allerdings der Anteil der Managerinnen mit juristischer Ausbildung in den vergangenen Jahren gesunken.

          Von der Staatsanwältin zur BGH-Präsidentin

          Trotzdem: Ein guter Grundstein für die Karriere ist ein Jurastudium allemal. Weniger wegen der einzelnen Paragraphen, die man hier lernt, als wegen der Herangehensweisen. Es sei vor allem die Methodenkompetenz, die sie für ihre späteren Aufgaben stark gemacht habe, sagt Bettina Limperg: „Zusammenhänge erklären zu können, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und Komplexes herunterzubrechen.“ Limperg ist ebenfalls eine „erste Frau in ihrer Position“. Seit knapp drei Jahren leitet die 57-Jährige als Präsidentin den Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Geplant habe sie ihren Werdegang so nicht. „Präsidentin dieses Gerichts zu werden ist als Ziel dann doch etwas zu kühn“, lacht die Mutter zweier erwachsener Kinder. Dennoch sei es ihr wichtig gewesen, Stück für Stück mehr Verantwortung im Beruf zu übernehmen. Von der Staatsanwältin wurde Limperg zur Richterin, zur Direktorin eines Amtsgerichts, zur Vizepräsidentin des großen Landgerichts Stuttgart und 2011 zur Ministerialdirektorin und damit Chefin des Justizministeriums Baden-Württemberg ernannt, bevor sie 2014 als BGH-Präsidentin antrat. Welche Fähigkeiten ihr in dieser Position besonders zugutekommen? „Neben den fachlichen Kompetenzen sind das sicherlich die vielzitierten Soft Skills“, so Limperg. „Mein Antrieb war es sowohl als Richterin als auch in Verwaltungspositionen immer, auszugleichen, zwischen verschiedenen Positionen zu vermitteln und dort, wo Streit herrscht, möglichst zu befrieden.“

          Jungen Juristinnen rät sie, den Perspektivenwechsel zu trainieren, zum Beispiel in Debattierclubs und -formaten, die zahlreiche Universitäten anbieten. Informationen dazu gibt es zum Beispiel auf der Website des Verbands der Debattierclubs an Hochschulen(VDCH). Entscheidende Bedeutung bei der Frage nach dem beruflichen Fortkommen habe aber auch, immer wieder aktiv Veränderungen zu suchen oder sonst den Horizont zu erweitern, weiß Limperg.

          Bettina Limperg ist Präsidentin am Bundesgerichtshof.

          Auch für Margret Suckale spielte auf dem Weg nach oben nicht nur ihre Ausbildung, sondern auch die ständige Weiterentwicklung eine wichtige Rolle. „Sich selbst zu beschreiben ist immer schwierig. Aber natürlich habe ich mir über die Jahre immer wieder aktiv Feedback eingeholt“, so die Managerin. Danach beschreibt sie sich als neugierig, konstruktiv und optimistisch, aber auch als jemanden, der mit Misserfolgen und Fehlern umgehen kann. Machtgebaren, um Ideen umzusetzen, seien ihr fremd. „Frauen wird ja zuweilen nahegelegt, sich im Job möglichst männlich zu verhalten, wenn sie aufsteigen wollen. An diesen Rat habe ich mich nie gehalten. Ich mag keine stereotypen Rollenbilder. Die diplomatische, deeskalierende Art, die man mir nachsagt, liegt eher an meiner familiären Prägung als daran, dass ich eine Frau bin.“

          Der Kompetenzmix zählt

          Vorstellungen typisch männlicher respektive typisch weiblicher Kompetenzen halten sich dennoch wacker. Wie so oft liegt der beste Führungsstil jedoch in der Mitte, wie djb-Vertreterin Ursula Matthiessen-Kreuder betont: „Die Mischung vermeintlich ‚männlicher‘ und typisch‚ weiblicher‘ Eigenschaften macht eine gute Führungskraft aus: Ein Team braucht Klarheit, Sachlichkeit und Zielorientierung. Wenn Frauen das von Männern lernen können, dann sollten sie das tun. Teams brauchen aber auch Verständnis und Unterstützung, und wenn Frauen das Männern voraushaben, dann sollten Männer es nachahmen.“

          Brigitte Zypries leitete neun Jahre lang die Geschicke des Bundesjustizministeriums. Seit Januar ist sie Wirtschaftsministerin.

          Allgemein raten erfolgreiche Juristinnen jungen Kolleginnen, sich selbst mehr zuzutrauen. Ja zu sagen zu neuen Aufgaben und sich nicht wegzuducken, sich Verbündete zu suchen, Schwierigkeiten und Umwege zuzulassen. Dazu gehöre auch, dass man Karriere nicht mit grenzenloser Verfügbarkeit verwechseln dürfe und sich von dem Missverständnis, Kindererziehung etwa sei allein Frauensache, freimachen müsse. „In der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind wir schon ein gutes Stück vorangekommen“, meint Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries. „Trotzdem ist noch viel zu tun. Die Kinderbetreuung muss weiter verbessert werden, Firmen müssen für Frauen und Männer flexible Arbeitszeitmodelle anbieten, Schulen müssen Ganztagsschulen sein.“ Letztlich brauche es aber einen Wertewandel. Männer sollten das Vatersein stärker als Bereicherung wahrnehmen, die gleichen Elternmonate nehmen wie die Mütter und die Zeit mit ihrem Kind genießen.

          An der Schnittstelle zwischen Recht und Politik

          Brigitte Zypries, selbst kinderlos, gehört ebenfalls zu den Juristinnen, die es ganz nach oben geschafft haben. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst an der Universität Gießen, in der Hessischen und in der Niedersächsischen Staatskanzlei sowie am Bundesverfassungsgericht. Später war sie Staatssekretärin und Mitglied des Deutschen Bundestags. Von 2002 bis 2009 war sie Bundesjustizministerin, im Januar trat sie als Wirtschaftsministerin die Nachfolge von Sigmar Gabriel an. „Der Vorteil eines juristischen Staatsexamens ist, dass die Berufsmöglichkeiten sehr vielfältig sind“, findet Zypries. Ein politischer Mensch sei sie schon während des Studiums gewesen. „Am Anfang meines Engagements in der Juso-Hochschulgruppe in Gießen wusste ich natürlich nicht, dass ich später einmal Berufspolitikerin sein würde.“ An der Schnittstelle zwischen Recht und Politik zu arbeiten fand sie spannend und habe das Angebot aus der Hessischen Staatskanzlei damals deshalb gern angenommen. Danach habe sich vieles auch zufällig ergeben – das „Frausein“ habe ihr nie geschadet, eher genützt. Als Person sei sie bekannt für klare Ansagen und sachlich geprägtes Handeln. „Dieser Pragmatismus hilft mir bei der Konzentration auf das Wesentliche“, so die Politikerin. Um erfolgreich zu sein, müsse man zu seiner Position stehen, dabei aber den eigenen Standpunkt auch auf den Prüfstein legen und gute Argumente von anderen aufnehmen. Teamfähigkeit sei nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft und der Justiz eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg.

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