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Frage an Forstwissenschaft : Wie sieht der Wald der Zukunft aus?

Gestresster Nadelholzwald im Nordschwarzwald – die Tage der Fichte scheinen auch hier gezählt zu sein. Bild: Picture-Alliance

Der deutsche Wald ist nach drei Trockensommern schwer angeschlagen. Welche Konzepte können ihn zukunftsicher machen, wie muss er neu gemischt werden? Gespräch mit dem Forstwissenschaftler Christian Ammer.

          8 Min.

          Vor knapp drei Jahren haben Sie in einem Interview mit der F.A.Z. gesagt, Sie machten sich Sorgen um die Zukunft des Waldes, vor allem wegen der Probleme, die die Forstwirtschaft nicht im Griff habe: Klimawandel, Stickstoffeinträge durch die Landwirtschaft. Wie ist die Situation heute, nach drei Jahren Trockensommer?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Christian Ammer: Die Situation hat sich verschärft, und uns allen ist bewusst geworden, wie schnell der Klimawandel manifest wird. Er ist keine Zukunftsvision, er ist Realität. Das sehen wir jetzt im Wald sehr deutlich. Es hat mich, wie viele andere Kollegen, die Geschwindigkeit überrascht, in der sich die Wirkungen gezeigt haben. Und da die Klimatologen voraussagen, dass solche Trockenereignisse, also mehrere Trockenjahre hintereinander, häufiger vorkommen werden, muss man wirklich Sorgen haben, dass es mit der Vitalität unserer Wälder weiter bergab geht.

          Hätte man besser vorbeugen können oder gar müssen?

          Im Rückblick ist es immer leicht zu sagen, man hätte schon früher Waldumbau im großen Stil betreiben müssen. De facto hat man schon 1985 begonnen, die Monokulturen gerade in öffentlichen Wäldern in Mischwald umzubauen. Sicher hätte man mehr machen können. Aber auch da gilt; Die Geschwindigkeit, mit der der Klimawandel im Wald Realität werden würde, wurde völlig unterschätzt, man dachte schlicht man habe mehr Zeit.

          Die Klimaschäden der Wälder sind nach einer neuen Erhebung des Wirtschaftsministeriums schlimmer als geschätzt. Mehr als die Fläche des Saarlands muss aufgeforstet werden. Vor allem Fichten sind betroffen. Aber selbst Buchen und sogar Eichen sind geschädigt. Warum hat die heimische Buche so große Probleme?

          Das ist noch nicht völlig geklärt. Die Buche ist eine Baumart, die ihren Wasserverbrauch bei Trockenstress erst spät einschränkt. Wenn es dann ganz eng wird, beginnt sie die Blätter abzuwerfen. Gleichzeitig hat man festgestellt, dass die Buchen auf entsprechenden Standorten sehr wohl, etwa durch Veränderung der Größe der wasserleitenden Gefäße, Anpassungen an Trockenheit entwickelt haben. In die Bredouille ist sie aktuell an Standorten mit Südexponierung und wegen zu wenig im Boden gespeicherten Wassers gekommen. Inwieweit das der Auftakt für einen großflächigen Verlust der Buche ist, wird kontrovers diskutiert. Ich selbst sehe nicht, dass die Entwicklung in vergleichbarem Umfang wie bei der Fichte voranschreitet. Die Buche ist aber eindeutig nicht, wie von einigen behauptet, die Baumart, der der Klimawandel überhaupt nichts anhaben kann. Insgesamt haben wir das Anpassungsverhalten der einzelnen Baumarten aber noch viel zu wenig verstanden.

          Wie könnte dieses aussehen, welche Mechanismen könnten Grund zur Hoffnung sein?

          Prof. Dr. Christian Ammer Professor Waldbau und Waldökologie der gemäßigten Zonen an der Georg-August-Universität Göttingen
          Prof. Dr. Christian Ammer Professor Waldbau und Waldökologie der gemäßigten Zonen an der Georg-August-Universität Göttingen : Bild: privat

          Eine normale Anpassung von der einen zur nächsten Generation würde mit dreißig, vierzig Jahren angesichts des Klimawandels zu lange dauern. Daher ruhen die Hoffnungen auf einem zweiten Mechanismus, den man aber noch nicht gut genug kennt. Bildlich gesprochen bestünde er darin, dass die Umweltbedingungen zum Zeitpunkt der Reproduktion, wenn sich die Frucht also bildet, bestimmte Schalter, die im genetischen Programm für bestimmte Eigenschaften stehen, anknipsen. Es gibt Hinweise dafür, dass über diese sogenannten epigenetischen Effekte eine schnellere Anpassung an Klimaeinflüsse herbeigeführt werden könnte. Dass die Buche als Art grundsätzlich Trockenzeiten aushalten kann, zeigen ihre Vorkommen in Südeuropa.

          Erholen sich die einmal angeschlagenen Buchen wieder?

          Einige können sich sicher erholen – wenn sie neben der Trockenschädigung keine Folgeschäden erfahren, etwa durch Pilzbefall oder Schädlinge. Die Voraussetzung für eine Erholung wäre allerdings, dass es nächsten Winter viel regnet und der Wasserspeicher im Frühling gefüllt ist, damit die Buche aus Kohlenstoffreserven, die sie angelegt hat, neu austreiben kann.

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