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Publizistik des Bauernkriegs : Die Hassreden der Gutenberg-Galaxis

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Entmenschte Grausamkeit: Blatt aus dem Zyklus „Bauernkrieg“ von Käthe Kollwitz (1899) Bild: bpk

Das Internet hat die Hassrede nicht erfunden. Schon im Bauernkrieg blühten die Schmähschriften. Voraus ging eine andere Medienrevolution.

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          1520, drei Jahre nachdem Martin Luther seine Thesen veröffentlicht hatte, warnte der elsässische Humanist und Franziskanerpriester Thomas Murner vor einem gewissen Hans Karst. Aufgewiegelt von der Reformation, würden er und seine „ungelehrte und aufrührerische Gemeinde“ die christliche Ordnung bedrohen. Der Spottname Hans Karst oder auch Karsthans, der von der Bezeichnung einer Feldhacke abgeleitet ist, stand für das althergebrachte Stereotyp des ungehobelten Bauerntölpels. Doch dieser Sinn wurde von Murners lutherischen Gegnern postwendend umgeprägt: In ihren Flugschriften mutierte der Karsthans vom groben Klotz zum Typus des aufrechten, reformatorisch gesinnten Mannes aus dem Volk. Gewitzt und unverstellten Geistes bietet er dem „Mur-Narr“ und all den anderen akademisch verbildeten Theologen die Stirn. Hans Karst kann die Bibel zwar selbst nicht lesen, aber er versteht Gottes Wort besser als die gelehrten Geistlichen, die „mehr auf der Narrenwiese gevögelt als in der Heiligen Schrift studiert“ haben.

          Schon bald nachdem die Flugschriften gegen Murner erschienen waren, wechselte die literarische Figur des Karsthans ins wirkliche Leben: Unter seinem Namen traten jetzt im Südwesten des Reiches reformatorische Wanderprediger auf. Die rustikale Schlichtheit dieser leibhaftigen Karsthänse war allerdings häufig nur Schau. So zum Beispiel bei einem ehemaligen Mönch, der die Schriften, die er mit sich führte, verkehrt herum hielt, um seinen Analphabetismus zu demonstrieren, während er seine offenbar auswendig gelernten Predigten druckreif vortrug.

          Medial entfesselte Polemik

          Die einander hochschaukelnden Agitationsreden und Streitschriften dieser Jahre bildeten das kommunikative Vorfeld zum Bauernkrieg. Als der im Jahr 1524 mit Aufständen im Schwarzwald und am Bodensee losbrach und sich schnell ausdehnte, waren die echten an die Stelle der inszenierten Karsthänse getreten, um sich mit realen Hacken und Sensen gegen Adel und Obrigkeit zu erheben.

          Welche Wirkungen die Texte und Bilder der Flugblätter und broschürenartigen Flugschriften auf die Entstehung und Dynamik des Bauernkrieges hatten, untersucht der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann, der seit Kurzem Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg ist. Seine Ausgangsthese, dass ihnen eine Schlüsselrolle zukommt, liegt nahe. Schließlich gilt die aufs Engste mit dem Bauernkrieg verknüpfte Reformation als eines der ersten massenmedial gespeisten Großereignisse. Kaufmann selbst charakterisiert Luther in Analogie zu den Digital Natives der Gegenwart als einen Printing Native, eine durch und durch „typographische Existenz“, die ohne den Buchdruck nie zur geschichtsmächtigen Gestalt geworden wäre.

          Doch wie konnten die Druckmedien unter den mehrheitlich analphabetischen Bauern überhaupt ihre Wirkung entfalten? Kaufmann verweist auf die Besonderheiten der frühneuzeitlichen Rezeption. Die Flugschriften, gedruckt in Auflagen von einigen Hundert, manchmal auch mehreren Tausend, wurden auf Märkten oder in den Druckereien vertrieben. Die damalige Gewohnheit, laut zu lesen, ließ Umstehende auch dann an der Lektüre teilhaben, wenn die Schriften nicht vorgelesen wurden. So erreichten die Pamphlete, Satiren und polemischen Dialoge auch viele, die sie nicht lesen oder sich ihren Kauf nicht leisten konnten. Eine etwas umfangreichere Flugschrift kostete immerhin so viel wie ein Pfund Honig – kaum erschwinglich für einen Tagelöhner.

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