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Folgen der Online-Lehre : Zeit der Schlagwörter

Stararchitektur in Cottbus: die Universitätsbibliothek von Herzog & de Meuron Bild: (c) Schütze-Rodemann; Sigrid/Arc

Online-Lehre wird von Studenten mehrheitlich negativ beurteilt. Die Wortführer der Digitalisierung lässt das kalt.

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          Eigentlich können sich Studenten in Deutschland glücklich schätzen. Mannheim, Bonn oder Siegen haben ihnen ihre Stadtschlösser reserviert, in Berlin und München logieren sie an den städtischen Prachtboulevards, in Cottbus haben die Stararchitekten Herzog & de Meuron eine Universitätsbibliothek hochgezogen, die der Elbphilharmonie kaum nachsteht, und Frankfurt hat ihnen einen renaissancehaften Edelcampus spendiert, in einer Lage, nach der sich Investoren die Finger lecken. Und nun sollen sie, nach dem Ratschluss der Schicksalsgöttinnen Corona und Digitalisierung, wieder in ihre engen Studentenbuden zurückkehren und die Welt durch den Bildschirm betrachten. Das ist unfair und ungesund.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Nachdem kürzlich schon eine Studie der Universität Hildesheim die verheerenden Folgen der Online-Lehre auf die studentische Psyche herausgestellt und den dringlichen Wunsch deutlich gemacht hat, so bald wie möglich wieder zur Präsenzlehre zurückzukehren, zeichnet jetzt auch eine Studie, die McKinsey und der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft über das Digitalsemester gemacht haben, ein ernüchterndes Bild. Unter den elftausend befragten Studenten ist die Zufriedenheit mit der Lehre im Vergleich zum vorausgegangenen Wintersemester von 85 Prozent auf 51 Prozent gesunken. Geklagt wird über soziale Isolation, Motivationsmangel und Konzentrationsprobleme. Quasi zur Strafe (oder wie soll man es anders verstehen?) empfehlen die Autoren den Ausbau der Digitalisierung und den Erwerb von „Future Skills“, die natürlich nur online zu bekommen sind. Das Schlagwort ist so fest in den Köpfen verankert, dass kein Faktum ihm etwas anhaben kann.

          Überraschend ist, dass Dozenten die digitale Lehre deutlich positiver bewerten, fast drei Drittel befürworten deren langfristigen Ausbau. Wer ein separates Arbeitszimmer hat, die Technik von der Universität bekommt oder sich lange Zugfahrten zum Lehrort sparen kann, weiß die Vorteile von online vielleicht besser zu schätzen. Noch zukünftiger geben sich 37 Pädagogen, die im „Hagener Manifest“ eine dramatische Wende zum „New Learning“ ausrufen. Die Autoren des Traktats, die sehr genau darauf achten, keine Worthülse der psychologisierten Pädagogik auszulassen, wollen online und offline zusammenmixen und fordern unter anderem „eine persönliche Lernbegleitung“, die sich der „Individualität und Diversität der Lernenden“ anpassen möge.

          Die Lehrkräfte für die individualisierte Dauerbetreuung müssten natürlich erst noch erfunden werden, wenn die Aufgabe nicht von Siri oder Alexa übernommen werden soll. Und die Wissenschaftler am Institut für sozialen Zusammenhalt, das die Bundesregierung gerade mit vielen Millionen aus der Taufe gehoben hat, könnten sich anschließend darum kümmern, wie man aus lauter Lern-Individuen wieder eine Gesellschaft macht.

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