https://www.faz.net/-gyl-99o9z

Föderalismus-Tagung : Bund, Bund, Bund sind alle meine Kleider

  • -Aktualisiert am

An der Fassade des Bremer Rathauses sind der Kaiser und die sieben Kurfürsten dargestellt. Das Alte Reich hatte in dieser Sicht ein kollektives, achtköpfiges Oberhaupt. Hier neben dem Kaiser die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln. Bild: Wikimedia

Die Bayern kamen schon zu Kaisers Zeiten immer besonders fesch daher: Eine Konferenz in Fulda suchte nach den Schnittmusterbögen des Föderalismus in der deutschen Geschichte.

          5 Min.

          Fulda liegt mitten in Deutschland, ist als Kongressort beliebt, die Verkehrsanbindungen sind tadellos, und das Glück ist der prosperierenden osthessischen Bischofsstadt hold. Nur der akademische Lorbeer blieb auf Dauer versagt; die 1734 gegründete Universität wurde 1805 aufgelöst. Nicht erst seit den Arbeiten Siegfried Weichleins zum Fuldaer Vereinsleben ist in der Bürgertumsforschung angekommen, dass eine Provinzstadt nicht unterschätzt werden darf. Über die Hauptstadt der Bürgertumsforschung gibt es den Witz, dass sie nicht existiere; diesen Status teilt sie mit dem Rathaus von Fulda, denn die Stadtverwaltung residiert im Barockschloss der Fürstbischöfe wie einst die französischen Finanzminister im Louvre. Auch hier ist es nur eine vermeintliche Nichtexistenz; das Bürgertum hat sich das Schloss längst angeeignet. Alfred Dregger, um den bekanntesten Stadtvater zu nennen, wirkte dort lange als entgegen allen Klischees quirliger Modernisierer, und in den Marmorsaal lud unlängst eine ortsansässige „Bürgerschaftliche Initiative“ zu Beratungen über die „wechselvolle Geschichte“ des „Föderalismus in Deutschland“.

          Solange das protestantische Bremen keine Universität besaß, kursierte der Scherz, dass man bei Bedarf dort lieber einem Professor das Taxi aus Göttingen bezahle. In der katholischen Barockstadt Fulda finanzierte man gleich ein viertägiges Symposion. Den Bedarf schuf ein Jubiläum; Im Jahre 918 wurde der letzte Karolinger Konrad I. im Dom zu Fulda beigesetzt. Etwas sperrig wirbt die Stadt: „Fulda ist seit 1100 Jahren Bestattungsort des Königs Konrad I.“ Als Geschichtsschreibung noch linear und national betrieben wurde, sahen Historiker hier den eigentlichen Beginn deutscher Geschichte. Wollte man darauf zurückkommen, indem man den Tagungsablauf als diachrone Geschichte „vom ostfränkischen Königstum bis zur Bundesrepublik“ anlegte? Der konservative Verfassungshistoriker Ernst Rudolf Huber hatte just von diesem buchstäblichen Jahrtausendprojekt Abstand genommen und den Beginn seiner monumentalen deutschen Verfassungsgeschichte auf 1789 gelegt.

          Im Anfang war Napoleon?

          Als Tagungsleiter wies Dietmar Willoweit (Würzburg), früherer Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, darauf hin, dass in Fulda auch das faktische Ende der deutschen Geschichte hätte stattfinden können. Nach Planspielen der Nato sollten im „Fulda Gap“ die Panzer des Warschauer Paktes mit taktischen Atomwaffen gestoppt werden; fast jedes deutsche Schulkind kennt Fulda aus den dystopischen Kinderbüchern von Gudrun Pausewang, die dort gleich zwei nukleare Katastrophen stattfinden ließ. Optimistischer ist da Willoweits solide „Deutsche Verfassungsgeschichte vom Frankenreich bis zur Wiedervereinigung Deutschlands“, die als Studienbuch sechs Auflagen erreichte. Doch damit ist der diachrone Rechtshistoriker in seiner Zunft eine Ausnahme; viele Historiker haben bei Begriffen wie „Staat“ und „Verfassung“ im Mittelalter berechtigte Bedenken.

          In Fulda tappte niemand in die Anachronismusfalle. Mit Rudolf Schieffer (München), dem früheren Präsidenten der Monumenta Germaniae Historica, führte ein Experte der Karolingerzeit in die Entstehung eines ostfränkischen Reiches ein, im Kontext der gleichalten christlichen Reiche in Dänemark, Schweden, Polen, Ungarn und Kiew. Kein Teilnehmer lokalisierte den deutschen Föderalismus im vielleicht gar nicht so finsteren Mittelalter, aber einzelne Referate brachten erhellende Einsichten in seine Wurzeln. Steffen Schlinker (Tallinn) verwies methodisch originell auf die geographische Verteilung der mittelalterlichen Königsgüter, bei der es Schwerpunkte unter anderem bei Aachen, am Untermain und in der späteren Pfalz gegeben habe; in Frankreich zentrierte sich das Königsgut nur um die Île-de-France. Manche Teilnehmer hielten etwas wohlfeil Hans-Ulrich Wehler Überspitzungen vor; dabei teilte das Fuldaer Symposion mit der Bielefelder Schule das Anliegen, eine borussozentrische Geschichtsschreibung zu revidieren. So ging es um von protestantischen und liberalen Historikern lange negativ gezeichnete Gebilde wie das alte Reich, das geistliche Territorium und den Kleinstaat.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          EU-Kommissarin Stella Kyriakides am Mittwoch in Brüssel

          Produktionsprobleme : Impfstreit zwischen der EU und Astra-Zeneca eskaliert

          Hat das britische Unternehmen der EU feste Lieferzusagen gemacht? Der Chef streitet dies ab. Am Mittwochabend soll es nun ein Krisengespräch geben. Zuvor appelliert Kommissarin Kyriakides an das Unternehmen: „Wir verlieren jeden Tag Menschen.“
          Corona-Impfung: Viele Deutsche haben Zweifel, dass die Krise dadurch schnell überwunden wird.

          Allensbach-Umfrage : Viele Deutsche zweifeln an der Impfstrategie

          Die Impfbereitschaft in der Bevölkerung ist gewachsen, aber das Vertrauen in die schnelle Verteilung des Impfstoffs ist gering. Und der Rückhalt für den politischen Kurs in der Pandemie schwindet.
          Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, sieht am Mittwoch im Bundestag zu, wie Rabbiner Shaul Nekrich die historische Sulzbacher Torarolle von 1792 fertigstellt, die 2013 wiederentdeckt und gerade restauriert wurde.

          Holocaust-Gedenktag : Die fehlenden Worte

          In einer Gedenkstunde schildert Charlotte Knobloch das Leid im Nationalsozialismus. Der AfD macht sie eine klare Ansage. Nicht alle aus der Partei applaudieren nach ihrer Rede.
          Joe Biden und Wladimir Putin bei einem Treffen in Moskau im März 2011

          „New Start“-Abkommen : Annäherung der zwei Rivalen

          Die Verlängerung des „New Start“-Abkommens zur Rüstungskontrolle durch Russland und Amerika ist ein Erfolg. Trotzdem bedeutet sie keinen Neustart in der schwierigen Beziehung beider Länder.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.