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Studenten-Projekt : Deutsch für Flüchtlinge

  • -Aktualisiert am

Sprachkurse in Frankfurt Bild: Etienne Lehnen

Was kommt dabei heraus, wenn eine deutsche Studentin einem Dutzend muslimischer Männer und Frauen Sprachunterricht gibt? Unsere Autorin probiert es gerade aus.

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          An jedem Mittwochabend helfe ich mit, die Flüchtlingskrise zu bewältigen. Ich bringe Flüchtlingen Deutsch bei. Ehrenamtlich in einem freiwilligen Kurs an der Frankfurter Universität, eineinhalb Stunden die Woche. Zugegeben, ein kleiner Beitrag. Aber es heißt doch immer, nur mit Sprachkenntnissen könne die Integration gelingen.

          Also los: Smartboard an, Teilnehmerliste abfragen. Wer mindestens die Hälfte aller Unterrichtsstunden da ist, bekommt am Ende eine Teilnahmebestätigung. Vielleicht hilft das später bei der Suche nach einem Praktikumsplatz: Seht her, ich gebe mir Mühe, ich habe auf eigene Faust schon eure Sprache gelernt.

          An diesem Abend sind fünfzehn Flüchtlinge gekommen, zwölf Männer und drei Frauen. Sie sind vermutlich nicht repräsentativ für alle 1,5 Millionen, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind. Aber es ist meine Klasse. Und sie machen mir Hoffnung. Ganz vorne sitzt Herr Dede aus der Türkei, ein rundlicher Mann, 60 Jahre alt, sein Deutsch ist schon ganz gut, er hilft oft den Schwächeren im Kurs.

          Ich war froh über die Zusage

          Weiter hinten, groß und schlank, die Haare zum Dutt hochgesteckt, Frau Balewa, die in Äthiopien als Juristin gearbeitet hat und Englisch kann. Irgendwo dazwischen sitzt Herr Tarzi aus Afghanistan, er kommt jede Woche mit seinem Vater in den Kurs, ist ungefähr genauso alt wie ich und eine Frohnatur, er sorgt für gute Laune, meldet sich auch dann, wenn er sich nicht so sicher ist – und lacht, wenn ich ihn verbessere. Gesiezt werden in meinem Kurs übrigens alle Teilnehmer, egal wie alt. Allerdings haben sie andere Namen, die sind für diesen Artikel geändert worden.

          Vor drei Jahren, als Bundeskanzlerin Angela Merkel „Wir schaffen das“ sagte, hatte ich gerade erst angefangen zu studieren, musste mich erst einmal an der Uni einleben. Damals gab es viele, die den Flüchtlingen helfen wollten. Auch das Frankfurter Projekt „Start ins Deutsche“, in dem Studenten Flüchtlingen Sprachunterricht geben, wurde damals ins Leben gerufen. Ganz am Anfang wurde direkt in den Turnhallen unterrichtet, wo die Flüchtlinge in den ersten Monaten unterkamen, viel wurde improvisiert. „Willkommenskultur“ hieß das.

          Dann kam die Silvesternacht in Köln mit den Übergriffen von Nordafrikanern auf Frauen. Die AfD ist in die deutschen Parlamente eingezogen. Die grausamen Verbrechen in Freiburg, Kandel und jetzt in Wiesbaden beherrschen die Schlagzeilen. Viele ehrenamtliche Initiativen finden keine Helfer mehr. Mit „Start ins Deutsche“ ist es anders. Die Studenten werden dafür in einer zweitägigen Schulung vorbereitet, und es gibt immer noch mehr Bewerber als Plätze in diesen Schulungen. Heute gibt es sogar eigene Unterrichtsräume und Übungshefte für die Teilnehmer. Ich war froh, als ich im Frühjahr eine Zusage auf meine Bewerbung bekommen habe.

          Was, wenn sie es ablehnen mit einer fremden Frau zu sprechen?

          Meine größte Sorge war, ob ich als Lehrerin vor einer Klasse bestehen würde. Das war Neuland für mich. Die Schulung hat mir geholfen. Es gab eine Einführung ins Arabische, in der kein Wort Deutsch gesprochen wurde – da konnte ich mich schon einmal in die Situation meiner zukünftigen Schüler hineinversetzen.

          Gut ist auch, dass immer zwei oder drei Studenten zusammen einen Kurs unterrichten, ich bin dabei also nie alleine, das gibt Sicherheit. Aber wie werden ein Dutzend vorwiegend muslimische Männer reagieren, wenn eine junge Frau ihnen Deutsch beibringen will? Wie zieht man sich dafür angemessen an? Und was, wenn die Männer es ablehnen, mit fremden Frauen Dialoge zu üben?

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