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Flüchtlinge : Jung, motiviert, aber große Wissenslücken

Deutschkenntnisse stehen am Anfang: Berufsvorbereitung für Flüchtlinge an einem Berufskolleg in Düsseldorf. Bild: Imago

Sofort in den Arbeitsmarkt – das schaffen Flüchtlinge kaum. Viel Bildung ist nötig, auf allen Ebenen. Was Fachleute raten.

          5 Min.

          Weil weniger Flüchtlinge kommen, rückt nun die Integration der Migranten stärker in den Blick. Doch was braucht man, um hierzulande dazuzugehören? Muss man in Deutschland geboren sein, Christ sein, deutsche Vorfahren haben? Das hat der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration die Bevölkerung Mitte 2015 gefragt. Allerdings maß jeweils nur eine Minderheit diesen Kriterien eine Bedeutung bei. Eine andere Bedingung hielten hingegen 89 Prozent der Befragten ohne Migrationshintergrund und sogar 93 Prozent derjenigen mit Migrationshintergrund für wichtig: einen festen Arbeitsplatz.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          „Überspitzt gesagt, ist der entscheidende Faktor dafür, ob man als zugehörig angesehen wird und sich selbst zugehörig fühlt, die Erwerbsarbeit und damit der aktive Beitrag zur Wirtschaft des Landes“, schreiben die Sachverständigen. Cornelia Schu, die Geschäftsführerin des Rats, erkennt darin eine Chance für die Flüchtlinge „Wir sind eine leistungsorientierte Gesellschaft, in der man sich die Teilhabe erarbeiten kann.“

          Das ist freilich auch eine große Herausforderung, und frühere Migrationen stimmen wenig zuversichtlich. Menschen mit ausländischen Wurzeln sind schlechter in der Schule und öfter arbeitslos oder prekär beschäftigt. Über die Ursachen wird diskutiert und geforscht. Nach Angaben des Sachverständigenrats steht eines fest: „Der zentrale Erklärungsfaktor für Erfolg und Misserfolg im Bildungssystem ist und bleibt der soziale Hintergrund.“ Ein guter Indikator für die soziale Herkunft ist das Bildungsniveau. Für diejenigen, die in jüngerer Zeit gekommen sind, gibt es allerdings noch keine verlässlichen Daten. In einer Erhebung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf), die als recht valide gilt, hatte etwa ein Drittel ein Gymnasium oder eine Hochschule besucht, ähnlich viele verfügten über keine Schulbildung oder waren nur zur Grundschule gegangen. Viel kleiner als in Deutschland war der mittlere Bereich – was typisch für wenig entwickelte Bildungssysteme ist.

          „Lehrer sollten kulturelle Besonderheiten kennen“

          Große Wissenslücken haben aber selbst die, die aus der Mittelschicht ihres Landes stammen und länger in der Schule waren. Nach einer Analyse des Bildungsökonomen Ludger Wößmann vom Münchener Ifo-Institut hinken auch die Syrer vier bis fünf Jahre hinter Jugendlichen her, die in Deutschland zur Schule gegangen sind. „Was heißen sechs, acht Jahre Schulbesuch, wenn man zum Beispiel in eine Koranschule gegangen ist“, sagt Alfred Riedl von der School of Education der TU München, der Modellprojekte in der Beschulung von Flüchtlingen begleitet. Viele Flüchtlinge hätten nicht gelernt, eigenverantwortlich zu lernen, berichtet der Didaktikprofessor. In manchen Ländern gelte es als unhöflich vorzupreschen.

          „Diese kulturellen Besonderheiten sollten Lehrer kennen.“ Die Integration durch Bildung müsse früh beginnen, fordern Fachleute – und warnen vor einem langen Herumsitzen in den Flüchtlingsunterkünften. Misslinge sie, dann führe das zu Resignation und stärke radikale Kräfte, betont Wößmann. Der Aktionsrat Bildung, ein Gremium renommierter Bildungsforscher, dem Wößmann angehört, hat gerade im Auftrag der bayerischen Wirtschaft ein Gutachten zur Integration durch Bildung verfasst, nach Ansicht der Fachleute eine der wichtigsten Bildungsaufgaben in der Geschichte der Bundesrepublik. Sie wird aber Zeit brauchen. „Nur Einzelne werden schnell den Weg in den Arbeitsmarkt schaffen“, sagt Schu vom Sachverständigenrat. Immerhin seien die Flüchtlinge hochmotiviert und viele noch jung.

          Aus der Forschung weiß man, dass es Menschen aus bildungsfernen Milieus viel bringt, wenn sie schon im Vorschulalter Bildung erfahren. Allerdings wüssten viele Migranten gar nicht, was eine Kita ist, sagt Schu. Es sei deshalb wichtig, für den Kita-Besuch zu werben. Der Aktionsrat Bildung geht noch weiter und bringt eine Kita-Pflicht ins Gespräch. Sorgen bereitet den Wissenschaftlern, dass viele Migranten auch in den Bildungseinrichtungen zu oft unter sich bleiben. In den Schulen, so zeigten Studien, lasse die Qualität des Unterrichts stark nach, wenn mehr als 40 Prozent der Schüler die deutsche Sprache nicht beherrschten. Die Fachleute fordern deshalb, die Flüchtlingsfamilien so weit wie möglich in Deutschland zu verteilen. Nach Wößmanns Angaben käme bei einer gleichmäßigen Verteilung auf die Kommunen selbst bei einer Million Flüchtlinge, die bleiben, auf zwei Schulklassen oder Kitagruppen nur etwa ein zusätzliches Kind.

          Frühestmöglich in den Regelunterricht

          An den Grundschulen müssten die Migrantenkinder frühstmöglich in den Regelunterricht integriert werden, heißt es im Gutachten des Aktionsrats. Nur wenn die Zahl der neu zugewanderten Kinder an einer Schule sehr hoch sei, sollten Vorbereitungsklassen eingerichtet werden. An den weiterführenden Schulen sollten Flüchtlingskinder zunächst in eigenen Klassen Deutsch lernen, dann aber schnellstmöglich in die regulären Klassen integriert werden. Es braucht freilich mehr Vorbereitungsklassen. Doch es gibt viel zu wenige Lehrer mit Kenntnissen in Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache. „Ohne sie geht es eigentlich nicht“, sagt Riedl. Sonst sei die Gefahr groß, dass Lehrer im Unterricht mit sprachlich überfrachteten Texten arbeiteten. Manchmal kenne sich wenigstens ein Lehrer an einer Schule aus – und könne Kollegen weiterbilden.

          Ein anderes großes Manko ist nach Expertenmeinung, dass Lehrer und Erzieher zu wenig über den Umgang mit heterogenen Gruppen wüssten. „In der Ausbildung und im Studium sollte das Pflicht werden“, fordert Schu. Auch wer schon im Schuldienst sei, benötige dringend diese Kenntnisse. „Die Politik muss massiv in die Weiterbildung investieren.“ Riedl und seine Kollegin Barbara Baumann haben für eine Studie Schüler aus Migrantenklassen an rund vierzig bayerischen Berufsschulen befragt, gefunden haben sie: 44 Länder, 55 Muttersprachen, 78 Berufswünsche und zwischen null und 17 Jahren Schulerfahrung. Abiturienten und Analphabeten lernten in einer Klasse.

          In den Genuss eines Schulbesuchs können Flüchtlinge freilich nur kommen, wenn sie schulpflichtig sind. In vielen Bundesländern endet die Schulpflicht mit 18 Jahren, in Bayern aber erst mit 21 Jahren und in Ausnahmenfällen mit 25 Jahren. Nach Ansicht vieler Fachleute ist das sinnvoll. Knapp 60 Prozent der Geflüchteten ist nicht älter als 25, ein gutes Viertel zwischen 16 und 25 Jahren. Diese Altersgruppe wird in Bayern an Berufsschulen unterrichtet, nach zwei Jahren sollen die Zuwanderer den Mittelschulabschluss machen. Allerdings kommt nur etwa ein Drittel der schulpflichtigen Flüchtlinge an den Berufsschulen unter, es gibt Wartelisten, wie Riedl berichtet.

          Ausbildungsbegleiter sollen Abbrüchen vorbeugen

          Er schätzt, dass auch an den bayerischen Berufsschulen höchstens 20 Prozent der Flüchtlinge den Abschluss schaffen. „Auch weil sehr sprachlastig getestet wird.“ Die schwächeren Schüler sollten deshalb noch ein drittes Jahr zur Schule gehen können. Lernen könne man von Modellschulen, die fast alle Schüler mit einem Abschluss verlassen. Dort gibt es erfahrene und entsprechend ausgebildete Lehrer, Sprachpaten, psychosoziale Unterstützung und Netzwerke. Doch selbst die Absolventen dieser Schulen schaffen eine anschließende Berufsausbildung nicht ohne weiteres. Auch bei besten Unterrichtsbedingungen könne ein Großteil der Schüler den Theorieunterricht nicht bewältigen, erklärt Riedl. Wie andere Fachleute schlägt er vor, ihnen Ausbildungsbegleiter an die Seite zu stellen. „Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie in der Ausbildung bleiben, deutlich.“

          Außerdem sollte man die Berufsausbildung anders organisieren, man sollte sie in Module gliedern, die man sich zertifizieren lassen könne; das könne auch ein Praktikum sein. Manche befürchten, das führe zu einer „Berufsausbildung light“. Schu glaubt das nicht. Durch den flexiblen Aufbau bekämen die Migranten vor allem genügend Zeit, die Ausbildung zu absolvieren; eine Absenkung der Anforderungen sei damit keineswegs verbunden.

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