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Firmengründungen vom Fließband : Keine Zeit für Spätzünder

Die Samwers und die Börse: So geht Gründen heute Bild: AP

Wer heute ein Unternehmen gründet, klaut sich die Idee im Silicon Valley und sucht sich einen Geldgeber - am besten in Berlin.

          6 Min.

          Noch jede Zeit hat ihre Unternehmer. Und jeder Unternehmer seine Zeit. Die Helden der Wirtschaft sind zu keiner Zeit denkbar ohne das, was um sie herum passiert. Carl Benz, Robert Bosch und Gottlieb Daimler waren genauso Kinder ihrer Epoche wie Thyssen, Krupp, Miele oder später die Albrecht-Brüder und Josef Neckermann.

          Bettina Weiguny
          (bwy.), Freie Autorin

          Es sind die Brüche, industrielle wie politische Revolutionen, welche die Regeln ändern - und Pionieren zum Durchbruch verhelfen. Einen solchen Wandel erzwingt aktuell die Digitalisierung. Das Internet wirbelt die Wirtschaft durcheinander - und bringt eine neue Gattung von Gründern hervor. Sie gehen einen anderen Weg als ihre Vorgänger in der Old Economy, all die Maschinenbauer, Ingenieure oder Ladenbesitzer.

          Business-School statt Kellerwerkstatt

          Denn was tat früher einer, wollte er Unternehmer werden? Er vergrub sich mit einer Idee, einem Traum, in Werkstatt oder Labor und überraschte die Umwelt nach Jahren des Experimentierens mit einem Motor, einem Föhn oder einer Schwebebahn. Mit der Weiterentwicklung seiner Erfindung (oder dem Ausbau eines Stahlwerks, Reisekonzerns oder Discounters) beschäftigte der Unternehmer sich fortan Zeit seines Lebens.

          Früher ging es noch entspannter zu: die SAP-Gründer 1972
          Früher ging es noch entspannter zu: die SAP-Gründer 1972 : Bild: SAP

          Und heute? Da studiert der Jungspund Wirtschaft an einer Business-School, zieht nach Berlin, schnappt sich zwei Kumpels, kopiert eine bewährte Internetidee aus Amerika und hat maximal 100 Tage Zeit, um Deutschland davon zu überzeugen, dass er das nächste ganz große Ding am Wickel hat. Im Monatsrhythmus geht es dann quer durch Europa, nach Russland, Afrika oder Südamerika. Und schon schießt er die nächste Firma hinterher. Eine nach der anderen. Gründen wie am Fließband.

          Am Anfang war die Erfindung

          Früher stand am Anfang von Konzernen eine Erfindung - ein Produkt, mühsam entwickelt. Dann suchte sich der stolze Entrepreneur Geldgeber, um daraus ein Geschäft zu entwickeln. Heute läuft es umgekehrt: Geldgeber stehen parat, greifen sich aus einem Pool von Geschäftsideen die vermeintlich lukrativste heraus - Inhalt eher egal - und alles, was es an Expertise braucht, um damit global Geld zu verdienen, steht von Anfang an bereit. „Serien-Gründer“ starten einen Online-Marktplatz nach dem anderen, machen Apps für Musik, gesundes Leben, Finanzdienstleistungen, Nachhilfe oder das Wetter. Sie eröffnen virtuelle Shops für Mode, Designermöbel, Medizinprodukte oder Lebensmittel. Scheitert ein Projekt, geht das nächste an den Start. Die Ideen gehen nie aus, dafür sorgen zur Not die Leute im Silicon Valley.

          Nirgendwo in Deutschland funktioniert das so gut wie in Berlin. Niemand beherrscht die Kunst so perfekt wie die Samwer-Brüder. Die drei Internet-Pioniere haben mit „Rocket Internet“ in Berlin eine Fließbandfabrik für Internet-Firmen aufgezogen. Sie erfinden nichts, sie gucken, welche Ideen anderswo funktionieren, und kopieren sie. Den Händler Zalando haben sie auf diese Weise groß gemacht, das Online-Möbelhaus Home24, den Krimskrams-Versender Westwing und den Lebensmittel-Lieferdienst Foodpanda.

          Jeans, Bart und Blaupause

          Kein Geschäft entwickelt sich in Deutschland so dynamisch wie ihres. Die Samwers haben an die 80 Internetdienste laufen, beschäftigen weltweit mehr als 25.000 Mitarbeiter und haben im Herbst den Börsengang des Jahres 2014 hingelegt, obwohl ihre Gesellschaften Verluste machen, die meisten gerade zwei, drei Jahre alt sind. Trotzdem ist Rocket Internet aktuell 7,7 Milliarden Euro an der Börse wert - mehr als Traditionskonzerne wie die Deutsche Lufthansa.

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