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Fernsehen : Mit freundlicher Unerschrockenheit

Astrid Randerath recherchiert für „Frontal 21” Bild: ZDF

Astrid Randerath ist Redakteurin bei „Frontal 21“ und schaut den Mächtigen auf die Finger. Rund 3,7 Millionen Zuschauer sehen ihre Beiträge im ZDF. Wieviel Arbeit hinter den Sieben-Minuten-Beiträgen steckt, ahnen die wenigsten.

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          Das Wort „investigativ“ treibt den meisten jungen Journalisten Glanz in die ehrgeizigen Augen. Wer auf den Watergate-Spuren knallhart recherchiert, der sieht sich im Olymp der Medienmächtigen. Der deckt Skandale auf und legt Korruptionssümpfe trocken. Mindestens. Es lebe das Klischee.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          „Guter Journalismus ist eine Sache des soliden Handwerks und der Knochenarbeit“, sagt Astrid Randerath. Grundlage jedes gelungenen Beitrags sind neben einem Gespür für ein tragendes Thema drei Dinge: Recherche, Recherche und nochmals Recherche. Seit sieben Jahren ist sie Redakteurin bei „Frontal 21“ - dem politischen Magazin im ZDF.

          Heiße Luft in Tüten abfüllen, das geht bei diesem Sendeformat gar nicht. Denn in den Redaktionsräumen „Unter den Linden“ des ZDF-Hauptstadtstudios im Berliner Zollernhof wird tatsächlich investigativer Journalismus praktiziert. Astrid Randerath ist eine der wenigen Frauen im Redaktionsteam der 18 Kollegen. Und sie traut sich was. Zum Beispiel bei ihrem vielbeachteten Beitrag „Zum Sterben verurteilt - Keine Kostenübernahme bei Blutwäsche“.

          Theo Knoll (li.) und Claus Richter, Moderatoren von „Frontal 21”

          Hartnäckige Fragetechnik

          Hier kritisierte die Autorin die Entscheidung des Bundesausschusses zur Blutwäsche bei Patienten mit isolierter Lipoprotein(a)-Erhöhung, eine in ihren Augen unmenschliche Folge der Gesundheitsreform. Krankenkassen waren veranlaßt worden, Patienten mit der sehr seltenen Krankheit die teure, aber lebensrettende Blutwäsche nicht mehr zu bezahlen. Astrid Randerath holte den verantwortlichen, aber offenkundig unzureichend informierten Vorsitzenden des Gemeinsamen Bundesausschusses für Ärzte und Krankenkassen vor die Kamera.

          Der Jurist wich ihren bohrenden Fragen aus und brach das Interview ab. Auch diese Reaktion ging über den Sender. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt reagierte und überdenkt die Entscheidung: Den mittlerweile invaliden Patienten, die die Behandlung aus eigener Tasche nie hätten bezahlen können, wird eventuell geholfen. Das Fernsehmuseum am Potsdamer Platz nutzt den Beitrag zu Demonstrationszwecken: Die hartnäckige Fragetechnik sei vorbildlich - für Zuschauer und Fachkollegen.

          Denn hier geschah eben genau das nicht, was viele Talkshows so inhaltsleer macht, in denen nicht der Journalist das Gespräch führt, sondern sich vom Befragten auf Nebenschauplätze erlesener Harmlosigkeit lenken läßt. Um nicht in solche Fallen zu tappen, arbeitet sich Astrid Randerath tief in komplexe Themen ein. „Das ist mit viel Fleißarbeit verbunden, nur so kann ich unaufrichtigen Gesprächspartnern notfalls Dokumente unter die Nase halten.“ Zumal ein Schwerpunkt der Redakteurin Gesundheit, soziale und hochpolitische Themen sind bis hin zu Stasistrafen für junge DDR-Widerständler.

          Schadensandrohung

          Ein solide geknüpftes Netzwerk von Experten, die ihre faire Berichterstattung unterstützen, hilft ihr dabei. Die Vierzigjährige beherrscht die Übersetzerkunst, komplizierte Vorgänge so herunterzubrechen, daß der Fernsehzuschauer sie versteht. Was den Zuschauer Dienstagabend ein wenig klüger macht, das erbost diejenigen, deren Fehlverhalten vorgeführt wird. Nicht ohne Grund werden besonders heikle Beiträge vorab den Mainzer Hausjuristen vorgeführt. Dennoch kommt es vor, daß Klagen drohen. Als nach einem kritischen Beitrag über ein umstrittenes Medikament die Aktie eines Chemieunternehmens sackte, folgte eine Schadensandrohung von 500 Millionen Euro. Die Klage wurde nicht erhoben.

          Freizeitfreundlich ist der Fernsehrhythmus nicht. Oft sitzt die Journalistin bis nach 22 Uhr „Unter den Linden“. Steht ein Thema fest, dann gibt es eine Produktionsnummer für drei bis vier Drehtage und eineinhalb Schnittage. Kamerateams der ZDF-Landesstudios werden gebucht. Sind die Aufnahmen kreuz und quer in der Republik gemacht, schaut sich Astrid Randerath das Material im Sichtgerät an. Sie notiert den Timecode („bei einer Minute, 27 Sekunden ist ein guter O-Ton“) und macht ein grobes Konzept.

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