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Familienpflegezeit : Mehr Zeit für den Spagat

Bild: dpa

Von Januar an können Arbeitnehmer eine Familienpflegezeit nehmen - wenn der Arbeitgeber zustimmt. Für den Umgang mit Schuldgefühlen allerdings reicht das Gesetz nicht aus.

          4 Min.

          Die Situation gehört schon zum Alltag. Durchschnittlich jeden zweiten Arbeitstag sitzt ein nachdenklicher bis verzweifelter Mitarbeiter vor Regina Neumann-Busies. „Beruf und Pflege werden mir zu viel“, hört die Diplom-Pädagogin dann von ihrem Gegenüber. Häufig brechen die Gesprächspartner in Tränen aus. Denn für die meisten ist es das erste Mal, dass sie mit einem professionellen Helfer über ihre Belastung sprechen können.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Neumann-Busies ist Mitglied der Sozialen Dienste des Henkel-Konzerns in Düsseldorf. Der Konsumgüterhersteller erringt häufig Spitzenplätze in Wettbewerben um den mitarbeiterfreundlichsten deutschen Arbeitgeber. Dass er sich mit seinem Sozialdienst auch um die Frage kümmert, wie das Personal einen besseren Ausgleich von beruflichen Aufgaben und Verpflichtungen gegenüber den Angehörigen hinbekommen kann, entspricht der Unternehmensphilosophie. In ihren persönlichen Beratungsgesprächen analysiert Neumann-Busies zunächst die Lage. „Es geht darum zu erfühlen, was dem Menschen wichtig ist und was für ihn machbar ist: In welchem Umfang ist es realistisch, sich einzubringen?“

          Dass der Bedarf für Hilfen wächst, hat auch die Bundesregierung erkannt. Am 20. Oktober brachte sie ihr Gesetz zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf unter dem Titel „Familienpflegezeitgesetz“ im Bundestag ein - erfolgreich: Zum 1. Januar kommenden Jahres tritt es in Kraft. Und für viele Betroffene stellt sich nun die Frage, wie sie von den neuen Regeln profitieren können.

          Keinen Rechtsanspruch auf Familienpflegezeit

          Und die sehen so aus: Für Arbeitnehmer, die parallel zur Arbeit noch für einen Angehörigen die Pflegeverantwortung tragen, wird die Möglichkeit einer entlastenden Betriebsvereinbarung geschaffen. Danach können sie für höchstens zwei Jahre ihre Arbeitszeit auf bis zu 15 Stunden verringern. In dieser Zeit wird ihr Einkommen gekürzt - allerdings nur halb so stark wie die Reduktion der Stundenzahl. Wer also seine Arbeitszeit um 20 Prozent einschränkt, um mehr Zeit für die Pflege zu haben, bekommt 10 Prozent weniger Geld, und damit 90 Prozent seines ursprünglichen Entgelts. Nachdem er an die Arbeitsstelle zurückkehrt, erhält er diese verminderte Bezahlung so lange, bis er seine „Schulden“ gegenüber dem Arbeitgeber wieder abgetragen hat.

          Weil die Gefahr besteht, dass der Mitarbeiter während der Pflegezeit erwerbsunfähig wird und der Arbeitgeber auf seinem Kredit sitzenbleibt, muss sich privat pflichtversichern, wer die Pflegezeit in Anspruch nimmt. Fällt der Arbeitnehmer aus, zahlt die Versicherung dem Arbeitgeber den Kredit zurück. Für Unternehmen, die eine solche Vorleistung finanziell nicht aufbringen können, vergibt die Bundesregierung über das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben zinslose Kredite. In diesem Fall macht das Amt Vorgaben, wie die Vereinbarung zwischen dem Beschäftigten und dem Arbeitgeber gestaltet sein soll.

          „Das sind Mindestanforderungen, auf die auch jeder Arbeitnehmer bestehen sollte, dessen Arbeitgeber nicht über das Bundesamt gefördert wird“, empfiehlt Heike Lehmann, Referentin für Frauen, Gleichstellung und Familienpolitik beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). In der Vereinbarung sollte also schriftlich festgehalten werden, wann die Familienpflegezeit beginnt und wann sie endet, wer gepflegt werden soll und wie das Entgelt berechnet wird. Wer eine Pflegezeit nehmen will, wendet sich an die Personalabteilung seines Betriebs. Der Betriebsrat wird in die Gespräche eingebunden. Allerdings liegt hier aus Sicht des Gewerkschaftsdachverbands eine Lücke der Regelung: „Da es keinen Rechtsanspruch auf Familienpflegezeit gibt, liegt es im Ermessen des Arbeitgebers, sie dem Beschäftigten zu gewähren“, kritisiert DGB-Referentin Lehmann.

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