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Unter Fälschungsverdacht : Überschätzte Spürnasen?

Wie fein sind ihre Nasen? Polizeispürhunde bei der Arbeit Bild: dpa

Gegen eine Studie über die Fähigkeiten von Polizeispürhunden steht ein Fälschungsverdacht im Raum. Doch die Universität Leipzig verschleppt die Aufklärung.

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          Die außergewöhnlichen Fähigkeiten seiner Spürhunde machten Leif Woidtke eine Zeit lang nicht nur zum lokalen Medienstar, sondern auch zum gefragten Gutachter vor Gericht. Der sächsische Polizeimeister behauptet von ihnen, sie könnten noch nach einem Jahr mit einer Treffsicherheit von 95 Prozent riechen, ob sich eine Person am Tatort aufgehalten habe. In seiner am 28. Oktober 2020 an der Universität Leipzig abgelegten Promotion will er das experimentell in 675 Tests nachgewiesen haben. Allerdings fehlen in der Auswertung 67 Testergebnisse.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Kai-Uwe Goss, Chef der Abteilung für Analytische Umweltchemie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig, wirft ihm vor, diese Ergebnisse unterschlagen zu haben, vermutlich weil sie der spektakulären These widersprochen hätten. Goss, der Woidtke zwei Jahre bei den Tests unterstützt hatte, will selbst einem Freilandtest von Woidtke beigewohnt haben, bei dem die Aufseher den zunächst hilflos herumirrenden Hunden verbotene Nachhilfe gegeben hätten. Auf den Hinweis von Goss leitete die Fachzeitschrift Forensic Science International, in der Teile der Promotion schon 2017 erschienen waren, eine Untersuchung und versah die Studie im Januar mit einem Warnhinweis. Die Zahlen ließen den Verdacht aufkommen, schreiben die Herausgeber, dass die Experimente manipuliert worden seien. Man rät, die Studienergebnisse mit Vorsicht zu genießen.

          Ein definitives Urteil ist das noch nicht. Das liegt aber nicht an der Zeitschrift selbst, sondern an Woidtke und seinen Mitautoren Carsten Babian und Jan Dreßler, die sich weigern, die zur Prüfung notwendigen Testvideos herauszugeben. „Die Autoren haben einer unabhängigen Neubewertung ihrer Studiendaten nicht zugestimmt“, schreibt die Redaktion, „die notwendig gewesen wäre, um diese und die anderen von der Community geäußerten Bedenken endgültig zu klären.“ Nachfragen dieser Zeitung beantwortet Leif Woidtke nicht.

          Verweigerte Kooperation

          Die Universität Leipzig gibt dagegen an, die Primärdaten der Studie seien der Zeitschrift am 20. März übergeben worden. Das ist allerdings nach Rückfrage bei Christian Jackowski, dem Co-Editor-in-Chief der Zeitschrift, schlicht unwahr. Die Zeitschrift habe von den Autoren nur Statistikdaten bekommen, die für die Prüfung nicht ausreichten. Kai-Uwe Goss behauptet überdies, im Besitz eines gefälschten Videos zu sein, das die Manipulation belege. Das Video liege der Universität vor, die sich dafür laut Goss aber nicht interessiere.

          Es passt in dieses Bild, dass die Universität bis heute keinen Kontakt mit der Zeitschrift aufgenommen hat. Bei ihrer eigenen im Mai 2020 abgeschlossenen Prüfung hatte sie kein wissenschaftliches Fehlverhalten erkannt und Woidtke im Oktober 2020 promoviert. Doch wie ist sie zu ihrem entlastenden Urteil gekommen, wenn ihr die relevanten Daten überhaupt nicht vorlagen, ja sie diese nicht einmal verlangt hat, wie sich auf Nachfrage dieser Zeitung herausstellt?

          Schon die verweigerte Herausgabe der Primärdaten ist im Prinzip wissenschaftliches Fehlverhalten, was die Universität aber so wenig zu interessieren scheint wie die ernsthafte Prüfung der Vorwürfe selbst, obwohl es neben dem Verstoß gegen wissenschaftliche Regeln auch um die Vermeidung von gerichtlichen Fehlurteilen geht. Woidtkes umstrittene Expertisen könnten dazu führen, dass Personen zu Unrecht bestraft werden. Schon das sollte für die Universität Grund genug sein, die Vorwürfe rasch aufzuklären. Man beschäftige sich auf mehreren Ebenen mit der Angelegenheit, heißt es von dort nebulös.

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