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Fachkräftemanagel : Je oller, je doller - je wertvoller?

Jenseits der Fünfzig: Rockveteranen wie die Rolling Stones spielen in der heutigen Musikwelt ganz vorne mit Bild: Reuters

Arbeitnehmer jenseits der fünfzig werden immer mehr und damit immer wichtiger. Doch alternde Belegschaften stellen neue Anforderungen. Sind die Unternehmen schon darauf vorbereitet?

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          Jens Fahrion schätzt Erfahrung. Er führt ein Unternehmen für Produktionsanlagenplanung in der Nähe von Stuttgart. Das Durchschnittsalter dort dürfte nicht unbedingt den Mittelwert in deutschen Unternehmen repräsentieren: Es liegt bei 52 Jahren. Buchstäblich aus der Not heraus hatte sein Vater vor 15 Jahren Ingenieure eingestellt, die älter als 50 Jahre waren.

          Inken Schönauer

          Redakteurin in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Denn es waren keine anderen zu bekommen, der Markt war praktisch leergefegt. Auf eine entsprechende Anzeige meldeten sich viele hundert Kandidaten. Das Potential war so groß, dass der Firmengründer nicht wie ursprünglich geplant vier, sondern gleich zwölf Ingenieure einstellte.

          Erfahrung schlägt Universität

          Er hat es nie bereut. Sein Sohn verfolgt diese Philosophie weiter. „Die Ingenieure 50 plus, das ist kein Nachteil für uns, sondern ein Vorteil“, sagt Jens Fahrion, der das Unternehmen mittlerweile mit seinem Bruder und seinem Vater zusammen führt. „Sie schöpfen bei ihrem Wissen nicht nur aus der Ausbildung und der Universität, sie haben bereits eine lebenslange Berufserfahrung.“

          Es findet ein Wandel statt in der deutschen Arbeitswelt, wenn auch noch mit einigen Einschränkungen. Das Ende der staatlich geförderten Frühverrentungspolitik hat dazu geführt, dass ältere Arbeitnehmer heute deutlich stärker am Berufsleben teilnehmen als das noch vor zehn oder zwanzig Jahren der Fall war. Auch wenn die von der Bundesregierung verabschiedete Rente mit 63 nach einhelliger Expertenmeinung ein Signal in die falsche Richtung gewesen ist.

          Entlassungsrisiko sinkt

          Aber die Daten sprechen eine klare Sprache: Von den rund 29 Millionen Arbeitnehmern in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung in Deutschland waren im Dezember 2013 gut 4 Millionen zwischen 50 und 55 Jahre alt, zeigt die Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Im Dezember 1999 waren es nur 2,4 Millionen gewesen.

          Die Erwerbstätigenquote der Älteren ist binnen 15 Jahren um mehr als 20 Punkte auf deutlich über 60 Prozent emporgeschossen - ein Spitzenwert in Europa. Die Wissenschaftler der Arbeitsagentur haben zusammenfassend festgestellt, dass das Entlassungsrisiko für Ältere deutlich gesunken ist. Wer aber arbeitslos ist, der hat es häufig noch immer schwer, einen Arbeitgeber wie Jens Fahrion zu finden, der bewusst älteren Kandidaten eine Chance gibt.

          BMW schätzt Routiniers

          Der Automobilhersteller BMW gehört zu denen, die den Wert der Routiniers in einer alternden Gesellschaft erkannt hat. Im Werk in Dingolfing wurde an einem Montageband simuliert, wie der Altersdurchschnitt in zehn Jahren sein wird, und daraufhin wurden die Arbeitsplätze so verändert, dass auch über 50-Jährige gesünder und motivierter arbeiten können. „Die Produktivität war dabei genauso hoch wie bei den Jüngeren und die Qualität sogar noch höher“, sagt Jochen Frey von BMW.

          Natürlich seien dies besondere Angebote, seit Jahren habe sich BMW aber der „Durchmischung“ verpflichtet, was man heute neudeutsch Diversity nennt. Dazu gehört auch die Zusammenarbeit von älteren und jüngeren Beschäftigten. „Wir denken, das sind die besten und erfolgreichsten Teams.“

          50 Jahre sind eine Zäsur

          Bei BMW hat der Blick zu den über 50-Jährigen vor allem auch eine ganz praktische Komponente. „Wenn wir, wie 2005 in Leipzig, ein komplett neues Werk eröffnen, dann wäre es falsch, es nur mit jungen Mitarbeitern aufzubauen“, sagt Frey. „Die gehen ja irgendwann alle gleichzeitig in den Ruhestand, und es fehlt die jahrelange Erfahrung, die keine neue Einstellungswelle ausgleichen kann.“

          Fünfzig Jahre - das ist für viele Menschen ein wichtiger Meilenstein. „Gerade bei Arbeitnehmern um die 50 ist viel Bewegung“, sagt Antje Leist, Geschäftsführerin von „Beruf-und-Familie“, einer Initiative, die aus der Hertie-Stiftung hervorgegangen ist. Hier werden Unternehmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie beraten und Gütesiegel vergeben.

          Balance von Familie und Beruf

          Statistiken belegen das. Die Zahl der Ehen, die nach 15 oder mehr Jahren geschieden werden, steigt. Männer genauso wie Frauen sehen dann immer öfter die Möglichkeit für einen Wendepunkt in ihrem Leben.

          Viele Frauen wollen nach intensiven Familienphasen doch wieder in den Beruf zurück, vielleicht auch in einen neuen. Die Tatsache, dass Männer, obwohl sie längst erwachsene Kinder haben, nach Scheidungen noch mal Familien gründen, läutet für viele ganz neue Familienphasen ein.

          Zeitabschnitte, die sie bei ihren ersten Familien der Karriere wegen nicht hatten - oder wollten. In diesen neuen Lebensplanungen entstehen auch ganz neue Arbeitsmodelle.

          Neue Chancen für Arbeitgeber 

          Für die Unternehmen bedeutet das eine große Herausforderung, ihre Arbeitswelten anzupassen. Es ist aber auch eine große Chance, zum attraktiven Arbeitgeber zu werden.

          Manchmal stecken ältere Arbeitnehmer aber auch fest. Sie sind eingekeilt in den Strukturen und frustriert von den immer gleichen Versuchen, Dinge neu oder anders zu machen. „In dieser Altersgruppe müssen Menschen manchmal aus der inneren Kündigung geholt werden“, sagt Ursula Priester. Sie berät zum einen Unternehmen darin, flexibler zu werden, hat andererseits aber auch diese Gruppe 50 plus im Blick und zeigt ihnen über die Plattform „Grey Source“ neue Arbeits- oder Karrierewege auf. „Eine Schnittstelle sind die Chefs“, sagt Priester.

          Mittlere Führungsriege entscheidend

          Nicht die oberste, sondern die mittlere Chef-Riege sei dabei entscheidend. Schwache Führungskräfte bedeuteten schwache Mitarbeiter, kann Priester aus ihrer langjährigen Personalerfahrung in verschiedenen Unternehmen berichten. Wer ein Unternehmen verlässt, tut das oft wegen der Führungskraft, nicht weil ihm das Unternehmen an sich nicht mehr gefällt.

          Deshalb haben Führungskräftetrainings bei BMW auch eine hohe Priorität, wie Jochen Frey ausführt. Führungskräfte müssen verinnerlichen und zugleich vermitteln, dass Wertschätzung nicht eine Frage des Alters ist, sondern der Leistung und Kompetenz.

          Die Lebensphasen zählen

          Das alles stellt auch die Personalabteilungen vor große Herausforderungen. „Wir arbeiten an der Verankerung der Lebensphasenorientierung“, sagt Stephan Heyne etwas gestelzt. Er ist Abteilungsdirektor bei der KfW-Bank und verantwortlich für das Thema Führung, Gleichstellung und Qualifizierung.

          Lebensphasenorientierung ist ein monströses Wort, das letztlich nur den neuen Trend zusammenfasst. Waren die Arbeitsmodelle früher vorgegeben mit Schule, Ausbildung, Job und Familie, so gibt es heute immer weniger Blaupausen. Menschen nehmen für ihre Kinder Auszeiten, aber auch für ihre Eltern, für die Erfüllung lang erträumter Reisen oder für die Ausübung eines Ehrenamtes.

          Bremsen Kinder die Karriere ?

          Der demographische Wandel wird längst in vielen Unternehmen und in der Politik diskutiert, die richtigen Schlüsse daraus werden aber längst nicht überall gezogen. Schon gar nicht beim Thema Frauen und Familie. „Alle zwei Jahre ein Karriereschritt“, sagt eine ehemalige Führungskraft einer Bank irgendwo in Deutschland, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, deren Werdegang aber eben so typisch ist.

          Die Karriereleiter habe sie geplant erklommen, immer weiter nach oben. Dann kam das erste Kind, und es war Schluss mit der Karriere. Sie könne sich gar nicht beschweren, sagt die heute Endvierzigerin, die dann später noch ein zweites Kind bekam. Sie sei zurückgekehrt auf eine Stelle, die ihr Spaß machte, die sie ausfüllte und herausforderte.

          Netzwerken gegen Feierabend

          Es gebe Programme, Hilfen, verständnisvolle Chefs und Kollegen, sinnvolle Arbeiten und Home-Office. Aber Karriere? Die sei vorbei, sagt die Frau, nicht in Teilzeit. Nicht, weil man es ihr offiziell nicht zutrauen würde. Eher deswegen, weil Faktoren Karrieren beeinflussen, die nicht gesetzlich geregelt werden können.

          Wenn Chefs gegen Feierabend über Flure wandeln, sind sie redseliger als tagsüber im Meeting, sagen Teilzeitmütter, die davon nichts mehr mitbekommen, weil sie längst Schulaufgaben beaufsichtigen oder blutige Knie verarzten. Auch Netzwerken muss heute anders möglich sein. Deshalb ist ein Wandel nötig, auf allen Ebenen.#

          Kulturwandel braucht Zeit

          „Der angestrebte Kulturwandel braucht Zeit“, sagt Antje Leist von Beruf-und-Familie. Aber wenn familiäre Anliegen, die den Arbeitsplatz betreffen, offen angesprochen würden und die Führungskraft lösungsorientiert in den Dialog gehe, dann sei das ein wichtiger Grundstein für diese Veränderung in den Unternehmen.

          Kulturwandel ist eines dieser Modeworte, das man aus vielen Unternehmen kennt. Gerade Banken propagieren ihn nach der großen Finanzkrise. Dabei würde der Kulturwandel einer Nummer kleiner schon helfen. Zum Beispiel der Wandel der Meeting-Kultur.

          Kein Ziel, kein Meeting

          „Kommunikation muss nicht immer nur in Sitzungen stattfinden“, sagt Bettina Hüfner, die als Coach Führungskräfte, vor allem in der Bankenszene, begleitet. „Onsite, offsite, Jour-fixe, One on Ones - die Kalender von Führungskräften sind voll mit diesen Schlagwörtern und Meeting-Terminen, die nicht immer sinnvoll sind und Zeit kosten.“

          Es wäre sinnvoll, sich als Erstes die Frage zu stellen: Was ist das Ziel des Meetings? So profan das klingen mag, viele Treffen würden nicht stattfinden, würde diese Frage gestellt werden. Die Konsequenz wäre schlicht: „Kein Ziel, kein Meeting.“ Viele Sitzungen würden gar nicht erst angesetzt.

          Lange war die Neuordnung von Arbeitswelten in Unternehmen ein Prestigeprojekt, mit dem sich Unternehmen von der Konkurrenz abheben konnten - wenn sie wollten. Längst ist dieses Thema eine Notwendigkeit geworden, mit der sich alle Unternehmen befassen müssen, wenn sie nicht im Gestern stehenbleiben wollen.

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