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Kolumne „Expat“ : Wegsehen und Tank prüfen

Die Streiks sind allgegenwärtig. Bild: AFP

Johannesburg steht auf den Listen der gefährlichsten Städte der Welt. Expats vergessen diese Tatsache gern. Doch selbst hartgesottene Verdrängungs-Meister dürften derzeit damit hadern, die aktuellen Entwicklungen nicht allzu nah an sich herankommen zu lassen.

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          Wie finde ich nur wieder in meine Blase zurück?“, stöhnte eine Freundin, als sie vor kurzem nach längeren Ferien in Europa nach Johannesburg zurückkehrte. Dass ihre Stadt eher auf den Listen der gefährlichsten als der schönsten Städte der Welt zu finden ist, daran sind Expats schon gewöhnt. Auch daran, dass in der größten Wirtschaftsmetropole Afrikas nicht alles so reibungslos verläuft wie in einer europäischen Großstadt. Dafür gibt es andere Annehmlichkeiten: vom sonnigen Wetter, aufgeschlossenen Bewohnern, dem Gin Tonic abends am Pool bis hin zum vielgepriesenen „African Vibe“.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Viele wollen aus Johannesburg nicht mehr weg, wenn sie sich einmal eingelebt haben. Die „Bubble“ - zu Deutsch „Blase“ - macht es möglich. In ihr kann man es sich in Südafrika - gut geschützt hinter hohen Mauern, unterstützt von hilfsbereiten Nannies und Haushälterinnen - gemütlich machen und die Schreckensnachrichten von Kriminalität bis Korruption auf den Titelseiten der Zeitungen getrost vergilben lassen - zumindest so lange, bis man selbst davon betroffen ist.

          Doch selbst Verdrängungs-Meister dürften derzeit damit hadern, die aktuellen Entwicklungen nicht an sich herankommen zu lassen. Kein Tag vergeht, an dem nicht von Zigtausenden streikenden Minenarbeitern etwa 150 Kilometer entfernt von der „Stadt des Goldes“ zu lesen ist, an dem nicht an das Massaker nahe der Platinmine Marikana erinnert und von weiteren Todesopfern berichtet wird. Die Arbeitskämpfe weiten sich rasend schnell auf andere Branchen aus. Alle wollen Gehaltszuschläge von 12 bis 22 Prozent, keiner weiß, wie sie finanziert werden sollen, keiner scheint die Streikenden unter Kontrolle oder eine Lösung parat zu haben. Gleichzeitig zeichnet sich eine neue Rezession ab.

          Streiks machen sich im Alltagsleben bemerkbar

          Die Arbeitsniederlegungen machen sich mittlerweile auch im Alltagsleben bemerkbar. Jetzt sind die Angestellten der Kommunen in den Streik getreten. Zuvor weigerten sich 20 000 Lastwagenfahrer weiterzuarbeiten, wenn sie keinen kräftigen Zuschlag erhalten. Täglich gingen Lastwagen in Flammen auf. In den Supermärkten liegen immer noch verwelkte Salate, an den Geldautomaten hängen Schilder mit der Aufschrift „Out of order“, was eigentlich „leer“ bedeutet. Jeder prüft morgens bange die Benzinanzeige, ob noch genug Sprit im Tank ist.

          Da bleibt in der Tat wenig anderes übrig, als in die gewohnte „Blase“ zurückzukehren. Wegsehen, sich auf die eigenen Alltagsproblemchen konzentrieren und insgeheim froh sein, in Dollar oder Euro bezahlt zu werden. Die Optimisten unter den Südafrikanern und Expats erzählen, dass solch unruhige Zeiten nichts Neues sind. Womöglich kehre mit der Kür des Kandidaten für die nächste Präsidentenwahl im Dezember wieder etwas Ruhe ein. Das ungute Gefühl, dass es diesmal um mehr geht als um höhere Löhne und die Streiks erst den Anfang bilden, aber bleibt.

          Womöglich sollte sich die Freundin einfach an oberster Stelle, an Südafrikas Staatspräsident Jacob Zuma, ein Beispiel nehmen. Der will sich auf Kosten der Steuerzahler gerade für umgerechnet 20 Millionen Euro seine private Residenz verschönern lassen, unter anderem, um für einen eventuellen Besuch von Barack Obama gerüstet zu sein. Wegsehen, ohne in Wut darüber zu geraten? Das ist manchmal leichter gesagt als getan.

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