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Kolumne „Expat“ : Stadt in der Krise: Athen

Athen 2011: Taxifahrer im Ausstand Bild: AFP

In den ländlichen Provinzen Griechenlands hat die Krise weniger stark zugeschlagen. Je mehr man sich indes dem Zentrum Athens nähert, desto mehr ist die Krise sichtbar. Das beginnt mit der Suche nach einem Taxi.

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          Von dem fröhlichen Athen der Olympischen Sommerspiele von 2004 ist wenig geblieben. Wie das Land steckt auch die griechische Hauptstadt in einer Krise. In jenem Sommer hatte die Stadt herausgeputzt gestrahlt, die öffentlichen Dienstleistungen hatten funktioniert. Nach der Herkulesaufgabe, gerade noch rechtzeitig alle Anlagen fertig gestellt zu haben, hatten die Menschen mit Optimismus und Stolz in die Zukunft geblickt. Heute ist wieder ein Herkules gefragt. Diesmal um aus dem nach unten ziehenden Strudel gerettet zu werden.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          In den ländlichen Provinzen hat die Krise weniger stark zugeschlagen. Je mehr man sich indes dem Zentrum Athens nähert, desto mehr ist die Krise sichtbar. Das beginnt mit der Suche nach einem Taxi. Die Taxifahrer streiken unbefristet, denn die Regierung hat ihre Zunft geöffnet, es gibt nun keine beschränkte Anzahl an Taxilizenzen mehr. Nicht wenige Urlauber, die am Flughafen vergeblich nach einem Taxi Ausschau gehalten haben, schwören sich, nie mehr an diesen Ort zurückzukommen.

          Und wenn man dann von den Außenbezirken mit einem Bus ins Zentrum fährt, ruft plötzlich der Fahrer aus, leider sei hier Endstation, weil die Straße durch Streikende gesperrt sei. Ein Rentner gerät außer sich. Das passiere nun zum dritten Mal, wann solle er denn diesen oder jenen Beitrag auf der Bank einbezahlen, will er ratlos wissen.

          Irgendwie gelangt man doch ins Zentrum, schließlich fährt die Metro häufiger, als dass sie streikt. Jedes dritte Geschäft ist derzeit geschlossen. Und wer durchhält, hatte vergangene Woche vielleicht eine eingeschlagene Fensterscheibe zu ersetzen. Den zentralen Syntagma-Platz haben Berufsprotestler aus der Anarchoszene, die nicht mehr jugendlich, sondern angegraut wirken, besetzt. Nicht jeder verrückte Grieche ist auf dem Platz, aber möglicherweise ist jeder auf dem Platz verrückt. In diesem Umfeld versuchen viele afrikanische Migranten zu überleben. Eigentlich waren sie nach Mitteleuropa unterwegs. Sie wurden aber in das Land zurückgeschickt, durch das sie nach Europa eingeschleust worden waren.

          In den Gassen unterhalb der Akropolis, in der Altstadt der Plaka, sind die fremden Touristen in Leichtbekleidung und die einheimischen Reichen - letztere noch immer elegant - unter sich. Hier bleibt die Welt in Ordnung. Die Tavernen sind voll. In ihnen waren einst die Lieder gespielt worden, mit denen die Griechen immer gegen Bedrohungen aufgestanden waren - gegen die Nazis, gegen den Bürgerkrieg, gegen die eigene Junta. Noch ist als Antwort auf die Krise heute keine eigene Musik komponiert und geschrieben. Offenbar ist die Talsohle nicht erreicht. Denn es gibt ja einen Ausweg, die Flucht auf die Inseln. Dort kann man zurzeit noch die Probleme in der Hauptstadt vergessen. Der Weg ist frei - sofern natürlich nicht die übergeschnappten Taxifahrer die Straßen zu den Häfen blockieren.

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