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Kolumne „Expat“ : Pekings letzte Radfahrer

Elekroradler verhalten sich gegenüber den Muskelkraftradlern durchaus ungebührlich. Da kommt eine gewisse Schadenfreude auf, wenn ein Elektroradler liegenbleibt. Bild: AFP

Das Fahrrad, früher ein Sinnbild für Millionen fleißige Chinesen, verliert immer mehr an Bedeutung. Radelnde Ausländer gelten als peinlich. Der moderne Mittelklasse-Chinese fährt allenfalls mit dem Elektrorad.

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          There are nine million bicycles in Beijing“, singt Katie Melua in einem der schönsten Liebeslieder der vergangenen zehn Jahre. Allerdings weiß niemand, ob diese Zahl wirklich stimmt. Nur eines ist so klar wie Glasnudeln: Das Fahrrad, früher ein Sinnbild für Millionen fleißige Chinesen, verliert immer mehr an Bedeutung. Zwar hat der Fahrradverband CBA keine absoluten Zahlen zur Hand, wohl aber relative. 1986 hätten 63 Prozent der Pekinger ein Rad genutzt, 5 Prozent ein Auto. 2010 betrug das Verhältnis dann schon 18 zu 30 Prozent.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Wer in Peking mit dem Rad unterwegs ist, spürt diesen Bedeutungsverlust am eigenen Leib. Zwar gibt es noch immer wundervoll breite Fahrradstraßen. Doch die Zeiten sind längst vorbei, als die Räder die Stadt dominierten und ihre bloße Masse den Kraftfahrzeugen wortwörtlich zeigte, wo es langging. Während heutzutage Autos überall vorfahren dürfen, verscheuchen Portiers und Sicherheitskräfte die Radfahrer oder weisen ihnen abgelegene Stellplätze zu. Hinter unserem Sportklub gibt es eine ungeteerte Schmuddelecke. Dort parken die Wanderarbeiter ihre Fahrräder - und peinliche Gäste wie wir.

          Das Fahrrad ist in der modernen chinesischen Gesellschaft allenfalls drittklassig. Seine wichtigste Konkurrenz neben dem Auto ist das Elektrorad. Davon sind auf Chinas Straßen schon 130 Millionen unterwegs, im Vergleich zu 100 Millionen Autos. Es gibt allerdings auch Gegenwind dazu. Weil die E-Bikes als besonders unfallträchtig gelten, wurden sie in einigen Städten schon verboten. Das wünschen sich auch manche Pekinger Radfahrer. Denn die Konkurrenten tauchen lautlos auf, hupen böse, überholen wirr, biegen abrupt ab. Entspannt, überlegen, fast verächtlich gegenüber denen, die mit Muskelkraft unterwegs sind.

          Darüber hilft nur die Genugtuung hinweg, wenn einem der Flitzer mal der Strom ausgeht. Ein schweres chinesisches Elektrorad zu schieben oder mit Notpedalen voranzutreiben, ist viel anstrengender, als in einem normalen Sattel zu sitzen. „Geschieht dir recht!“, durchfährt es uns gemein, als wir stocksteif an dem Liegengebliebenen vorbeiradeln. Aus dem iPod trällert unser Triumphlied, die Hymne der letzten Radfahrer in Peking. Sie hat wirklich eine entzückende Stimme, diese Katie Melua.

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