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Kolumne „Expat“ : Leere Schatzkammer in den Vereinigten Staaten

Der amerikanische Finanzminister Geithner (rechts) mit seinem indischen Kollegen Mukherjee im „Department of the Treasury” in Washington Bild: AFP

Von einer Schatzkammer kann beim Blick auf das amerikanische Finanzministerium schon lange keine Rede mehr sein. Die Vereinigten Staaten sind hoch verschuldet. Finanzminister Geithner verwaltet die Knappheit und keinen Schatz.

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          Vor dem Haus neben dem Weißen Haus in Washington stand vor einiger Zeit eine Gruppe von Touristen aus Deutschland und wunderte sich. „Department of the Treasury“ steht an dem Haus, und niemand wusste so recht, was dies denn sein könnte. „Ist das eine Schatzkammer?“, fragte eine Touristin.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Doch von einer Schatzkammer kann beim Blick auf das Finanzministerium keine Rede mehr sein. Bestes Zeichen dafür ist der alte diebstahlsichere Tresorraum von 1864, der schon lange zum Büro umgebaut ist. Nur noch eine große Stahl- und Eisenwand kündet von den guten Zeiten, als dahinter Geld und Gold aufbewahrt wurden. Heute sind die Vereinigten Staaten mit mehr als 14 Billionen Dollar verschuldet. Finanzminister Timothy Geithner verwaltet die Knappheit und keinen Schatz.

          Vor dem Treasury, dem ältesten Ministeriumsbau in Washington, steht eine Statue des ersten Amtsinhabers, Alexander Hamilton. Er übernahm 1790 die Schulden der Bundesstaaten aus dem Unabhängigkeitskrieg gegen die britische Krone und legte so den Grundstock der heutigen Schuld. „Die ausländischen und inländischen Schulden der Vereinigten Staaten waren der Preis der Freiheit“, argumentierte Hamilton. Auch das gilt heute nur noch bedingt. Viele Schulden entspringen eher sozialplanerischem Gestaltungswillen und monetärer Leichtsinnigkeit des Kongresses und diverser Präsidenten, als dem Kampf für die Freiheit.

          Die Denkmäler, die die Vereinigten Staaten auf dem langgezogenen Grünstreifen vor dem Kapitol, der Mall, errichtet haben, geben davon Zeugnis. Da ist alles überragend das Monument für Abraham Lincoln, den 16. Präsidenten, der das Gelddrucken als die „größte kreative Gelegenheit“ der Regierung beschwor: „Die Regierung sollte all das Geld und den Kredit schaffen, ausgeben und in Umlauf bringen, um die Ausgabenkraft der Regierung und die Kaufkraft der Konsumenten zu befriedigen.“ Da ist das Denkmal für Franklin Delano Roosevelt, den 32. Präsidenten, das der fiskalischen Expansion im Kampfe gegen die Große Depression in den dreißiger Jahren huldigt.

          An eine Stimme der monetären Vernunft erinnert wenigstens das Denkmal für Thomas Jefferson, den 3. Präsidenten: „Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Herrscher uns mit ewigen Schulden beladen. Wir müssen unsere Wahl treffen zwischen Sparsamkeit und Freiheit oder Überfluss und Knechtschaft.“ Jefferson fürchtete, dass die Staatsschuld höhere Steuern und „Elend und Unterdrückung“ nach sich zögen.

          „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann, fragt, was ihr für euer Land tun könnt“, mahnt dagegen auf dem Arlington-Friedhof das Steinrund vor dem Grabmal von John F. Kennedy, dem 35. Präsidenten. Die Antwort des 44. Präsidenten, Barack Obama, lautet zumindest für die wohlhabenderen Amerikaner: Zahlt mehr Steuern!

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