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Kolumne „Expat“ : Dollar unter der Matratze

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Ab unter die Matratze: Das ist das Schicksal der meisten Dollar in Argentinien. Bild: dpa

Argentinier tauschen in Krisenzeiten häufig ihre immer stärker entwerteten Pesos in Dollar und legen sie unter ihre Matratze. Doch das soll der als Feuerwehrmann von Präsidentin Kirchner engagierte Handelssekretär Guillermo Moreno verhindern. Dabei kommt so manche Kuriosität heraus.

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          In Krisenzeiten setzt bei den Argentiniern ein tief in ihren Genen verwurzelter Reflex ein: Sie tauschen ihre immer stärker entwerteten Pesos in Dollar und legen sie unter ihre Matratze. Genau das soll der als Feuerwehrmann von Präsidentin Kirchner engagierte, doch eher als Brandstifter tätige Handelssekretär Guillermo Moreno verhindern, um die Kapitalflucht einzudämmen und der öffentlichen Kasse die für die Begleichung von Staatsschulden dringend benötigten Dollar zu erhalten. Dank der immer neuen Schikanen, die Moreno ersinnt, ist es praktisch unmöglich geworden, auf offiziellem Weg an Dollar zu kommen. Deshalb hat sich längst ein Schwarzmarkt gebildet. Die von Moreno persönlich überwachten Ein- und Ausfuhrkontrollen haben dazu geführt, dass es in unserem Supermarkt so gut wie keine importierten Lebensmittel mehr gibt. In dem einst prall mit deutschen Spezialitäten gefüllten Regal stehen jetzt Fertigprodukte aus argentinischen Tomaten.

          Die von der Regierung propagierte Förderung der einheimischen Industrie und die von Moreno praktizierte Inflationsbekämpfung mit Hilfe - meist sinnloser - Preiskontrollen haben groteske Kampagnen hervorgebracht. Die neueste: Weil die Weinpreise in den Restaurants ins Astronomische gestiegen sind, soll die Gastronomie verpflichtet werden, wieder einen „Touristenwein“ (vino turista) anzubieten, und zwar die Dreiviertelliterflasche in zwei Qualitätsstufen zu 20 oder 25 Pesos (3,50 und 4,50 Euro). Der „Touristenwein“ war schon einmal eingeführt worden: kurz vor dem Staatsstreich 1976. Die von den Militärs in der Diktatur malträtierte Wirtschaft hat der Billigwein auch nicht saniert.

          Die unsinnigste Anordnung Morenos bestand darin, aus dem Ausland eingeführte Bücher mit einem Sonderzoll zu belegen und sie einer speziellen Kontrolle zu unterziehen. Die Buchsendungen mussten persönlich in der Zollstelle des internationalen Flughafens Ezeiza abgeholt und einer technischen Überwachungsstelle vorgelegt werden. Sie musste prüfen, ob der Bleigehalt der Druckerfarbe nicht 0,06 Prozent übersteigt und eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausstellen. Diese Verfügung, mit der die einheimische Druckindustrie begünstigt werden sollte, war so absurd, dass Moreno sie bald wieder rückgängig machen musste. Der Zoll war der Büchermassen, die sich bei ihm angesammelt hatten, nicht mehr Herr geworden. Deshalb ist ein an uns aus Europa zugesandtes Buch auch ohne Prüfung der Druckerschwärze und ohne Zollgebühr durchgekommen. „Adios, mi amor. Wird er sie in Südamerika wiederfinden?“ lautete der Titel des problemlos von der Post zugestellten Reiseromans.

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