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Expat : Lebertran in Stavanger

Wegen des Öls kommen die meisten Ausländer nach Stavanger - allerdings weniger wegen des Fischöls Bild: dpa

Lebertran, der in Deutschland längst aus allen Supermärkten verbannt geglaubte flüssige Kinderschreck aus Großvaters Zeiten, ist in Norwegen noch längst nicht ausrangiert. Denn dort ist das Wetter im Herbst so schlecht, dass wohl nur die Wahl zwischen Depression, Erkältung und Lebertran bleibt.

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          Algengrün sind die Flaschen, sonnengelb die Etiketten, im Regal stehen sie zwischen Kindernahrung und Nylonstrümpfen: Lebertran, der in Deutschland längst aus allen Supermärkten verbannt geglaubte flüssige Kinderschreck aus Großvaters Zeiten, ist in Norwegen noch längst nicht ausrangiert. Der aus der Dorschleber gewonnene Extrakt wird dort sogar ganz offiziell von den Gesundheitsämtern als Nahrungsergänzung empfohlen - nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Wer im Herbst nach Stavanger kommt, weiß, warum: Die Wolken hängen tagelang so dicht über dem Fjord, der Regen fällt so unablässig auf die 150.000-Einwohner-Stadt an der norwegischen Westküste herab, die Sonne lässt sich nur noch so selten blicken, dass die Wahl nur eine zwischen Depression und Erkältung zu sein scheint.

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Von September bis Mai schlucke ich deshalb das Zeug“, gesteht Pierangelo mit traurigem Blick. „Es schmeckt furchtbar, aber ein Esslöffel muss sein, jeden Morgen“, sagt der junge Mann, den das Studium aus seiner Heimat im lieblichen Veneto ins rauhe Skandinavien verschlagen hat. Jod, Phosphor, die Vitamine A, E und vor allem D, das der Körper ohne Sonnenlicht nicht bilden kann - alldas enthält das durchsichtige dünne Fischöl in Hülle und Fülle.

          Wegen des Öls kommen die meisten Ausländer nach Stavanger, allerdings wegen einer deutlich schwereren Variante. Von Stavanger aus werden die Bohrinseln in der Nordsee angeflogen, hier wird der Reichtum verwaltet, den sie seit Anfang der siebziger Jahre in Form von Öl und Erdgas aus dem Meeresboden fördern. Hier hat auch Statoil seinen Sitz, Norwegens größter Konzern, der sich vor kurzem ein zartes Magenta als Erkennungsfarbe gegeben hat, die Deutsche Telekom lässt grüßen. Weder am Wetter noch an der winterlichen Dunkelheit - offiziell geht die Sonne zurzeit morgens um kurz vor neun auf und nachmittags um kurz vor vier schon wieder unter - hat dieser Schachzug etwas geändert. Für die Besatzungen der Bohrinseln, die für ihren riskanten Knochenjob stattlich bezahlt werden, gehört ein Ferienhaus am Mittelmeer deshalb fast schon zum Standard. Dort feiern sie ihre reichlich anfallenden Überstunden ab und gleichen mit Südfrüchten und Sonnenbaden ihr Vitamin-Konto aus.

          Ohne diese Möglichkeit bleibt nur der Lebertran, der in vielen norwegischen Haushalten deshalb zum ständigen Kühlschrankinhalt gehört und in manchen Hotels sogar zum Frühstücksbuffet. Daneben sind dann Gläser im Schnapsformat aufgereiht, was Gäste aus dem Ausland hin und wieder auf falsche Gedanken bringt - wer die hohen norwegischen Steuern auf Alkohol kennt, wird sich freilich nicht in die Irre führen lassen. Eine zu hohe Dosierung sei im Falle von Lebertran erst im Wiederholungsfall gesundheitsschädlich, beruhigt der führende Produzent, der auf seiner Internetseite außerdem garantiert, ausschließlich norwegischen Fisch zu verwenden und seit mehr als 150 Jahren auf Frische höchsten Wert zu legen.

          Noch nicht ganz so lange ist für Zartbesaitete eine Variante mit Zitronengeschmack im Angebot, von der vertrauenswürdige Mütter berichten, dass schon ihre gerade zwei Jahre alt gewordenen Kinder sie mit Genuss schlucken. Wenn sie aufstoßen, glaubt man den Geist aus der Flasche durchs Zimmer schweben zu sehen, so markant ist das Aroma. Nicht nach Magenta duftet es, sondern nach Algen.

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