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Expat : Das Konto der Gefälligkeiten

Schief angeguckt im Land des schiefen Turms? Möglicherweise passiert das, wenn das Konto der Gefälligkeiten nicht ausbalaciert ist Bild: REUTERS

Kennst du jemanden in der Botschaft, der jemanden im Korridor des Botschafterbüros kennt, der jemanden im Vorzimmer des Botschafters kennt ...? Solcherlei Fragen sind unter Bekannten in Italien keine Seltenheit. Umso unangenehmer, wenn man abwiegeln muss.

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          Eine Tasche mit Dokumenten und Mobiltelefon ist im Taxi liegengeblieben. Da ist es wenigstens ein kleiner Trost, wenn der befreundete Offizier danach für ein paar kleine Erleichterungen sorgt. Bei den Carabinieri, der militärisch organisierten Polizeiorganisation, ist der Chef der nächsten Wachstation schon informiert und sorgt dafür, dass die obligatorische Anzeige schnell und effizient aufgenommen wird.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Es geht nicht darum, ein wenig Wartezeit einzusparen, sondern um das Vertrauen, das dem Freund eines Kollegen entgegengebracht wird. In einem Land mit relativ wenig Bürgersinn und schwankender Qualität öffentlicher Dienstleistungen wie Italien zählen nicht nur offizielle Prozeduren und Regeln, viel mehr die persönlichen Kontakte. Diese wiederum lassen sich weiter übertragen, auf andere Freunde oder auf Verwandte, manchmal auch auf Freunde von Verwandten. Damit ergeben sich angenehme Wechselwirkungen, die nichts zu tun haben müssen mit dem Verbiegen der Regeln: Der „angemeldete“ und vertrauenswürdige Besucher der Polizeiwache etwa kann schneller zum Ziel kommen, der Beamte wiederum muss nicht fürchten, hinters Licht geführt zu werden.

          Private Netzwerke statt schwerfälliger Apparate

          Die privaten Netzwerke halten auf diese Weise ein Land mit schwerfälligen Apparaten am Laufen. Glücklich können sich diejenigen schätzen, die ein reichhaltiges Reservoir an Verwandtschaft, Schulkameraden und Studienfreunden ins Feld führen können. Verglichen mit solchen Voraussetzungen, geraten die später dazugekommenen Ausländer allzu leicht in die Rolle von Außenseitern. Wer sich um Kontaktpflege bemüht, kann den Startvorsprung der Einheimischen zumindest etwas verringern. Der Fremde muss anfangs den Mut aufbringen, Gefälligkeiten anzunehmen, dann aber auch die Bereitschaft, in Vorleistung zu treten.

          Lästig oder störend wird das, wenn der neue Bekannte zum ungelegensten Zeitpunkt per Mobiltelefon um eine Empfehlung an einen schwer zu erreichenden Deutschen bittet. Zum Schmunzeln verführt dagegen der italienisch-komplizierte Anruf nach dem Muster: Kennst du jemanden in der Botschaft, der jemanden im Korridor des Botschafterbüros kennt, der jemanden im Vorzimmer des Botschafters kennt ...?

          Die freundliche Einladung, doch den direkten Weg zu versuchen und eine kurze Frage direkt der kompetenten Person vorzutragen, stößt auf Unglauben und bedarf der geduldigen Erklärung, dass in Deutschland ein anonymer Inhaber eines Schreibtischs mit einem ebenso anonymen Amtsinhaber sachlich zusammenarbeitet, ohne dass sich beide vorher bei einem Kaffee kennengelernt und beschnuppert haben.

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