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Expat : Boomstadt Doha

Trostlos? Das war einmal Bild: dapd

„Doha hat die wenig beneidenswerte Reputation, der trostloseste Ort auf dem Globus zu sein.“ So schrieb es der Reiseführer „Lonely Planet“ noch 1993. Seither hat sich vieles grundlegend geändert. Nicht nur, weil die Fußballweltmeisterschaft nach Qatar kommt.

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          Die qatarische Hauptstadt hat das letzte Jahrhundert weit hinter sich gelassen. Wenige hätten Doha damals eine Zukunft als Boomstadt vorausgesagt, und gewiss niemand, dass sie einmal sogar eine Fußballweltmeisterschaft ausrichten sollte. 1993 hatte der britische Reiseführer „Lonely Planet“ noch wenig schmeichelhaft schreiben können: „Doha hat die wenig beneidenswerte Reputation, der trostloseste Ort auf dem Globus zu sein.“ Das hat sich seither grundlegend geändert.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist Doha eine Boomstadt, mit einer Skyline, die im Zeitraffertempo in die Höhe schießt und hinter der ein buntes Leben entstanden ist. Von 2004 bis 2010 hat sich das Bruttoinlandsprodukt von Qatar auf 128 Milliarden Dollar vervierfacht, die Bevölkerung verdoppelte sich auf 1,7 Millionen Einwohner. Der Nachrichtensender Al-Dschasira sendet seit 1996 aus Doha, 2002 nahmen namhafte amerikanische Universitäten in Qatar ihren Lehrbetrieb auf, 2008 öffnete das von Ieoh Ming Pei gebaute, spektakuläre „Islamische Museum“ seine Tore und im selben Jahr konzertierte erstmals das Qatar Philharmonic Orchestra. Vor zwei Wochen bezog es im neuen „Cultural Village“ seinen eigenen Konzertsaal. Um den alten Bazar entsteht eine fußgängerfreundliche Innenstadt, die mehr Flair haben soll als die breiten Autostraßen und die glitzernden Hochhäuser.

          Doha ist längst nicht mehr der trostloseste Ort, aber es ist immer noch konservativer als sein Nachbar Abu Dhabi und vor allem konservativer als das quirlige Dubai. Zwar finden die meisten Christen im großen, neu errichteten Kirchenkomplex Gottesdienste in ihren Muttersprachen. Um ein Bier zu trinken, muss man aber in ein Hotel gehen, und der Freizeitwert ist in der Boomstadt, in der jeder fleißig arbeitet, noch eher bescheiden. Immerhin entstehen Museen, es gibt mehr Konzerte, in diesem Jahr gastierten sogar erstmals die Wiener Philharmoniker. Und vor allem bietet die neun Kilometer lange Corniche, die sich wie ein Halbmond um die Bucht von Doha zieht, Möglichkeiten für Flaneure und Sportler. Jetzt im Winter traben dort, unter Palmen und bei 25 Grad, mehr Jogger als im tropisch heißen Sommer, wo sie zu Hause auf dem Laufband stehen.

          Der Fußball ist jedoch die Sportart, die für die Qataris und für die meisten Expats, ausgenommen der vielen Inder, am wichtigsten ist. Dass Doha einmal trostlos war, erfährt man heute daher nur noch aus dem „Lonely Planet“ des gar nicht so fernen Jahres 1993.

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