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Curtius’ Mittelalter-Buch : Es sieht mehr aus wie ein Bergwerksstollen

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An Max Rychner schrieb Ernst Robert Curtius am 24. November 1928: „Rom ist eine Welt und so wenig zu erschöpfen ,wie die Welt überhaupt’ (Ranke). In diese Welt genau einzudringen, sie langsam abzumessen, ihre Gestalt zu überschauen - das ist Sinn und Glück meines Hierseins. Auf der schönsten Treppe der Welt (der ,spanischen’) steige ich, am Sterbehaus von Keats vorbei, zur Hertziana empor, der intim-reizvollsten aller Bibliotheken und lese, lese: über Päpste, Architekten, Villen, Gärten, Antikes, Barockes, Napoleonisches, Christliches und Heidnisches.“ Frank-Rutger Hausmann teilte dieses Zitat 2013 in einem Aufsatz über Curtius und die Roma Aeterna in der Zeitschrift „Italienisch“ mit. Bild: Barbara Klemm

Wo man „Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter“ von Ernst Robert Curtius auch aufschlägt, stößt man auf Arbeitsspuren. Die scheinbare Formlosigkeit kennzeichnet ein durch und durch modernes Werk.

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          Bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erschienen in Deutschland Schriften, welche die Nation dazu anhielten, sich auf ihre „christlich-abendländische“ Tradition zu besinnen und dem aggressiven Nationalismus abzuschwören. Ihre Verfasser priesen Europa als einheitlichen politischen und kulturellen Raum. Besonders wichtig war ihnen die Erinnerung an das mittelalterliche Jahrtausend von etwa 500 bis 1500, in dem der christliche Universalismus, ja überhaupt das einigende Band der Kultur und der Religion „eine Überbetonung des Nationalen“ (so 1946 der Kunstschriftsteller Herbert Alexander Stützer) verhütet habe.

          Wo man derart emphatisch die Gemeinsamkeiten alles Europäischen betonte, ging es freilich auch um Verweigerung und Abgrenzung. Die Propagatoren dieses „abendländischen“ Bewusstseins, meist Katholiken, hielten dazu an, mit den Säkularisierungstendenzen der vergangenen Jahrhunderte zu brechen. Nach außen hin sollte sich das „neue Abendland“ gegen den Kollektivismus der sozialistischen Staaten und zugleich gegen den englisch-amerikanischen „way of life“ immunisieren, dem man Kulturlosigkeit, Materialismus und „Vermassung“ unterstellte. Auch die Demokratie verhieß nur eine „Freiheit für beliebige Inhalte“, wie es im 1951 erschienenen „Manifest der Abendländischen Aktion“ hieß. Sich zu vergegenwärtigen, wie im Mittelalter der Glaube jegliche Kultur und jegliches Staatswesen fundiert habe, schien der erste notwendige Schritt zur Etablierung einer neuen Staatenordnung ohne Nationalismen.

          Im Ausland scheint man derartigen Rezepten skeptisch gegenübergestanden zu haben. Bezeichnenderweise hat mit Per Øhrgaard ein Däne 2009 daran erinnert, dass der deutsche Europa-Jargon schon seit 1943 immer aufdringlicher geworden war, dass schon Joseph Goebbels an die Bolschewistenfurcht der „abendländischen Menschheit“ appellierte und dass schon die NS-Kriegspropaganda die Wehrmacht als Vorkämpferin gegen die „Versteppung Europas“ und die SS als „Kampftruppe für Europa“ pries.

          Rückt man ihre Schriften in diesen martialischen Zusammenhang, tut man den meisten Trägern der Abendland-Bewegung mit ihren naiven ständestaatlichen Ideen, ihrer Sorge um Konfessionsschulen und ihren Vorbehalten gegenüber Jazz, Kino und berufstätigen Frauen sicher unrecht. Gewiss ist dagegen, dass ihr politisches Rezeptwissen an das kulturkritische und rechtskonservative Denken der Zwischenkriegszeit nahtlos anknüpfte. Man fand nach der deutschen Kapitulation von 1945 deshalb so schnell zu seinen Sprachregelungen, weil man in der Überzeugung lebte, dass die konservativen Denker der zwanziger und dreißiger Jahre schon alles Wesentliche zur Moderne gesagt hatten. Auch deren Forderung nach einem „Neuen Mittelalter“, in dem die Wunden der Moderne heilen würden, machte man sich wieder zu eigen.

          Opus magnum der Mittelalterforschung

          In diesem Klima der Modernitätsskepsis entstanden auch profunde wissenschaftliche Arbeiten, die an das europäische Mittelalter erinnerten und versuchten, dessen Wissen wiederzugewinnen, ja nutzbar zu machen. Der Österreicher Paul Koschaker schrieb ein grundgelehrtes Werk über das römische Recht und dessen europäische Bedeutung; der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr las die Geschichte der modernen Kunst als Indikator für einen „Verlust der Mitte“, den die Europäer erlitten hätten; Romano Guardinis Arbeit über „Das Ende der Neuzeit“ stellte seinen Lesern das „Daseinsgefühl und Weltbild des Mittelalters“ als Vorbild vor Augen. Das Werk aber, das am meisten internationales Aufsehen erregte, steuerte der Bonner Romanist Ernst Robert Curtius bei. Es erschien 1948 unter dem Titel „Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter“.

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