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Erzieherberuf : Mehr Männer für die Kitas

Bild: Cyprian Koscielniak

Im nächsten Jahr erhalten Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Kindertagesstätte. Doch es fehlt nicht nur an Einrichtungen. Es gibt auch viel zu wenig Erzieherinnen. Nun soll die stille Reserve mobilisiert werden: die Männer.

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          Der sozialpädagogische Verein Frankfurt betreibt mehr als 60 Kindertagesstätten in der Stadt. Zur Zeit kommen immer wieder neue dazu. Doch es kam auch schon vor, dass eine Kita bezugsfertig war, aber nicht eröffnet werden konnte. Dem Verein fehlte schlicht das Personal. Elisabeth Strüber, Geschäftsführerin des Vereins, sagt: „Wir können zwar gute Arbeitsplätze anbieten, aber wenn es keine Fachkräfte gibt, können wir die nicht besetzen.“

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          Zu denen, die Elisabeth Strüber braucht, gehören Eva Liebe, Jennifer Schlitzer und Katja Reichert. Die drei sind Studentinnen der Berta-Jourdan-Fachschule in Frankfurt am Main. Jede von ihnen repräsentiert einen eigenen Weg zum Ziel. Jennifer hat nach dem Realschulabschluss eine Ausbildung zur Sozialassistentin gemacht und sich direkt im Anschluss an der Schule in Frankfurt beworben. Katja ist gelernte Pharmakantin, hat aber nach sechs Jahren umgesattelt. Eva wiederum hat schon viele Jahre in der Touristikbranche gearbeitet und macht nun eine Umschulung. Drei Wege, die alle zum Traumziel der drei Frauen führen sollen - staatlich anerkannte Erzieherin.

          Bis zu 24.000 Erzieherinnen könnten nächstes Jahr fehlen

          Stefan Sell, Direktor des Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik der Fachhochschule Koblenz, sieht die Probleme, die der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für unter Dreijährige bereitet, als hausgemacht. Für ihn sind die 750 000 Krippenplätze, die bis zum Stichtag am 1. August 2013 neu geschaffen werden müssten, illusorisch. Und nicht nur an Plätzen mangele es, sondern auch an Fachkräften. Bis zu 24.000 Erzieherinnen könnten nächstes Jahr fehlen. Das Lieblingsprojekt von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, das sie sich nach einigen Startschwierigkeiten im Amt als besonders prestigeträchtig auserkoren hat, drohe zu scheitern. „Das kann man nur als Politikversagen bezeichnen“, sagt Sell.

          Die Bundesregierung, formal nicht für den Kita-Ausbau zuständig, auch wenn die Initiative für den Rechtsanspruch von ihr ausging, hat zumindest die Notwendigkeit erkannt, dass gegen den Mangel etwas getan werden muss. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat in den vergangenen Wochen eine Kampagne gestartet, die junge Leute ansprechen soll. Die Aktion heißt „Profis für die Kita“ und richtet sich an Schüler, denen eine Ausbildung zum Erzieher schmackhaft gemacht werden soll. Sie soll zeigen, dass der Beruf viel Spaß mit sich bringe, aber auch viele Herausforderungen und Chancen, sich zu verwirklichen biete. Das würden Eva, Jennifer und Katja unbesehen unterschreiben. „In der Kita kommt ganz viel zurück von den Kindern, die sind einfach ehrlich“, erzählt Katja unter dem enthusiastischen Nicken ihrer Klassenkameradinnen. Jennifer ergänzt: „Da kann man noch etwas verändern und den Kleinen etwas für das Leben mitgeben.“

          In der Männlichkeitsfindungsphase wird kaum einer Erzieher

          Das Bildungsministerium unterstützt außerdem das Modellprojekt „Mehr Männer in Kitas“, das es schon seit 2010 gibt, wie Projektkoordinator Jens Krabel erzählt. Das Projekt soll Wege finden, wie Männer für die Arbeit in Kitas begeistert werden können, und sowohl Berufseinsteiger als auch -umsteiger ansprechen. Bei Einsteigern sei die Situation aber schwierig, erzählt Michael Baumeister, Abteilungsleiter der Berta-Jourdan-Schule. Die jungen Männer befinden sich meist genau in ihrer Männlichkeitsfindungsphase, wenn sie sich für einen Job entscheiden sollen, und da wird kaum jemand Erzieher. Erst später, wenn sie sich als Mann nicht mehr beweisen müssten, kämen sie auf dem Weg der Umschulung zu dem Beruf. Bundesweit liegt der Anteil von Männern in Kitas bei 4 bis 5 Prozent, in der Schule schon bei 15 bis 20, wie Michael Baumeister nicht ohne Stolz erzählt. Seitdem die Schule sich verstärkt um Berufstätige bemüht, kämen auch mehr Männer, erzählt er weiter. Die Schule gehe jedoch nicht gezielt auf Männerfang und auch von Quotenregelungen halte er nichts. Man wisse nie, was für Leute darüber in den Beruf kämen.

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