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Eine Woche Online-Uni : Der Professor als Zeremonienmeister

Der Professor als Vorturner: Tanzdozent Joseph Blake unterrichtet vom Wohnzimmer aus an der Weber State University. Bild: AP

Die erste Woche Online-Semester ist vorüber. Wie haben sich die Dozenten geschlagen? Der Frankfurter Medienwissenschaftler Rembert Hüser blickt im Interview auf das Treiben in den neuen virtuellen Lehrräumen.

          6 Min.

          Herr Hüser, die erste Woche des digitalen Sommersemesters ist vorüber. Wie war der Auftakt an der Goethe-Uni?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Für mich war spannend, dass ich jetzt mit einem Medium wie dem Video-Konferenzsystem „Zoom“, seinen Praktiken und Effekten, experimentieren kann. Das war mir vorher nicht vertraut. Man gerät aber auch in neue Abwägungsprozesse. So gibt es aus meiner Sicht eine Gefahr der digitalen Lehre, die darin besteht, dass die Hochschulleitungen sich einen alten Traum verwirklichen könnten, aus dem Bereich der Online-Lehre künftig in Form von Online-Bezahl-Kursen Geld herauszuschlagen. Dagegen würde ich mich mit Händen und Füßen wehren, da aus meiner Sicht die klassischen Präsenzseminare durch nichts zu ersetzen sind, aus verschiedenen Gründen. Viele Kollegen, gerade aus dem Mittelbau, machen nach meiner Beobachtung aber auch verstärkt Offline-Kurse, was mich überrascht hat. Mithilfe einer Lernplattform verteilen sie Aufgaben an die Studenten, die diese kommentiert zurückbekommenen. Das ist in diesem Fall eine Übersetzung der mündlichen Diskussion in die Schriftlichkeit. Was übrigens sehr arbeitsintensiv ist und sich nicht für größere Seminare anbietet. Die Professoren in meinem Institut machen Seminare mit dem Video-Konferenzsystem Zoom.

          Welche Veranstaltungen hatten Sie in dieser Woche?

          Ich hatte vier. Ich mache ein Seminar zum Thema „Stimmen“ mit 97 Teilnehmern, eines zur „Ansichtskarte“ mit 38 Teilnehmern, dann gebe ich noch eine Einführung in Medienrhetorik mit 42, und mein Kolloquium besteht aus 15 Leuten. In allen Seminaren habe ich Zoom eingesetzt.

          Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

          In der vorlesungsfreien Zeit hatten wir im Rahmen zweier Forschungsgruppen bereits die großen Videoplattformen durchgetestet. Dabei haben wir festgestellt, dass die Variante, die auch an den amerikanischen Hochschulen bevorzugt wird, wirklich am effektivsten ist, eben Zoom. Der Dienst ist, wie jeder andere kommerzielle, natürlich verbunden mit einer Reihe von rechtlichen Problemen, die auch regelmäßig in den Medienseminaren angesprochen werden. Nur ist es so, dass die rechtlich sichere Videoplattform unserer Uni leider nicht viel taugt. Nach einigem Hin und Her hat die Universität dann 1000 Zoom-Lizenzen angekauft, die auf alle Fakultäten verteilt wurden.

          Wie lief Ihr Seminar mit 97 Teilnehmern?

          Zoom unterteilt die Teilnehmergruppen automatisch in Einheiten von 25 Personen, die man in einem Fenster sieht. Ich hatte als „Host“ also vier Screens mit fast hundert Personen, die in kleinen Waben sitzen – zwischen den einzelnen Bildschirmen kann ich hin- und herwandern. Von der Struktur her entspricht das einem klassischen modernistischen Rastersystem. Anders als in Präsenzseminaren gibt es keinen einheitliche Raum, jeder spricht tendenziell in 97 unterschiedliche Räume hinein. Der Rhythmus, den man aus Präsenzseminaren kennt, klappt bei Zoom nicht, daher muss man immer irgendwen aufrufen. Es fehlt auch, jenseits von den Close-Ups, so etwas wie Zerstreuung: Halbnahaufnahmen, das Herumgucken im Raum oder auf die Schuhe. Die Angst, dass durch Zoom ein privater Voyeurismus befördert würde, ist allerdings Quatsch. Das Bild, das mir begegnet, ist wie im Hörsaal auch: Ich sehe eine Wand von Köpfen. Die Diskussionen klappen bisher ganz gut, aber es ist schwierig einen Ablauf zu etablieren, in der sich die Teilnehmer schneller dazuschalten. Vielleicht braucht es dazu noch mehr Vertrautheit.

          Findet sich in der Zoom-Ästhetik wieder: Das Fadengitter Leon Battista Albertis auf einem alten Stich

          Als Konferenzleiter müssen Sie die Teilnehmer, wenn Sie selbst sprechen, wohl stummschalten?

          Ja, das empfiehlt sich, sonst gibt es Rückkopplungen. Das hängt auch mit der Wohnsituation der Studenten zusammen und ihren technischen Möglichkeiten. Können sie auf Zoom zugreifen, was haben sie für ein W-Lan, sitzen sie vielleicht in ihrem alten Kinderzimmer, das sie sich mit der fünfjährigen Schwester teilen? Es gibt oft Zusatzgeräusche, wobei Zoom dann automatisch auf das größere Geräusch umschaltet. Aus all diesen Gründen ist es gut, wenn die Mikrofone ausgestellt sind.

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