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Eine Woche Online-Uni : Der Professor als Zeremonienmeister

Ja, ich bin jetzt viel mehr Master of Ceremonies. Allein dieses Eintretenlassen hat ja schon etwas Albernes. Wenn die Veranstaltung um c.t. beginnt, lasse ich die Teilnehmer um s.t., zur vollen Stunde, vor … Ich muss das unbedingt mal selbst ausprobieren: Wie ist das, in diesem Wartezimmer zu sitzen?

Im Fernsehen, in den Tagesthemen oder dem Heute-Journal, sieht man seit Corona jetzt oft Experten, Professoren im Home-Office vor ihrer Bücherwand. Setzt sich dieses Setting wieder durch?

Die Diskussion, ob man sich als Professor vor seiner Bücherwand fotografieren lassen sollte oder nicht, ist uralt. Mit der Asymmetrie des Wissens, die noch in älteren Gelehrtendarstellungen zu sehen ist, hat die Bücherwand heute jedenfalls nichts mehr zu tun, wo viele ihre Bücher lieber auf dem Stick haben. An der Uni gibt es inzwischen eigentlich eher eine Angst vor der Bücherwand, schon seit Jahren. Die Universität möchte nach außen hin locker wirken, das braucht sie für ihre Third Mission-Programme. Eine Bücherwand hingegen hat etwas Verstaubtes, da „lebt” niemand. In meiner Zeit als Lehrender in den Vereinigten Staaten habe ich es während zweier offizieller Fotosessions selbst erlebt: Nicht erlaubt waren Aufnahmen des Arbeitsplatzes, vor Bücherwand und Schreibtisch. Man wurde eher zu Orten überredet, die man mag. So sind von mir Fotos im Naturkundemuseum vor den Dioramen und beim Basketballspiel entstanden. Das ist Teil einer massiven Infantilisierungswelle an den Unis.

Die Bücherwand oder der Schreibtisch dürfen es beim Fakultäts-Fotoshooting in den Vereinigten Staaten nicht sein: Rembert Hüser beim Basketball

Führt das digitale Lehrgeschäft nicht früher oder später zu einer Überforderung der Studenten? Wenn man sich nur überlegt, welche Materialfülle sich durch die vielen Online-Vorlesungen gerade ansammelt. Künftig kann man als Lehrender Studenten darauf verweisen: Schauen Sie zur Vorbereitung bitte dies an, hören Sie das an. Auch wird bei Professoren die Haltung befördert: Verplempere doch Deine Zeit nicht mehr damit, Vorlesungen zu halten. Sprich sie ein, lass sie die Studenten anhören und nutze Deine Zeit mit ihnen zur Vertiefung. Für die Studenten ist das aber unter dem Strich mehr Aufwand, der im Endeffekt wohl auf Kosten des Lesens, der Primärtexte geht.

Ja, und das steht für mich im Zusammenhang mit der eingangs erwähnten Gefahr bezahlter Online-Kurse. Ich unterstützte jede Initiative, die dagegen vorgeht. Vorab Videos oder Audio-Files zu sichten, ist natürlich okay und gängige Praxis.

Unter dem Strich: Halten Sie die Art, in der die digitale Lehre im Sommersemester 2020 umgesetzt wird, für sinnvoll – oder sind schon zu viele Zwänge im Spiel, und man müsste eigentlich anders ansetzen?

Ich finde die Situation insofern okay, als es kein einheitliches Vorgehen gibt. Die Kollegen, die engagiert Offline-Kurse machen, habe ich schon erwähnt. Dann finde ich gut, dass experimentiert wird: Was leistet das neue Medium der Videokonferenz in der Lehre, wo liegen seine Probleme? Es gibt auch viele Initiativen, gerade in der Medienwissenschaft, die die Entwicklung kritisch begleiten. Die Medienwissenschaft der Uni Bochum hat zum Beispiel ein sehr nützliches Papier zur „Lehre unter besonderen Bedingungen“ zusammengestellt. Es gibt also bereits eine kritische Auseinandersetzung, die parallel mitläuft. Es sollte jetzt weder darum gehen, die Situation zu dämonisieren – o, wir sind alle in der Hand amerikanischer Großkonzerne –, noch sie unkritisch durchzuwinken. Insgesamt aber denke ich, dass das Semester im Rahmen dessen, was gerade weltweit passiert, ganz gut anläuft. Die Uni ist nach wie vor ein äußerst privilegierter Raum.

Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus

Prof. Rembert Hüser unterrichtet Medienwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt.

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