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Eine Woche Online-Uni : Der Professor als Zeremonienmeister

Bei Zoom sind die Sprecherrollen klarer verteilt als bei Präsenzveranstaltungen. Daher lässt man tendenziell andere wohl eher ausreden; das Wort wird erteilt. Das geht wohl auf Kosten der Spontaneität?

Das ist ein wichtiger Punkt. Zunächst noch: Es gibt zwei Emojis bei Zoom. Man kann den erhobenen Daumen zeigen und man kann applaudieren, das ist auf der Grenze von „debil“. Man kann auch aufzeigen, indem man eine blaue Hand aktiviert. Aber das schnelle Reagieren auf den anderen, das fehlt. Bei Zoom werden Redebeiträge eher hintereinander abgerufen, man arbeitet Listen ab. Ich kam mir manchmal vor wie zu Beginn einer großen VJ-Karriere: Ich sitze hinterm Mischpult und versuche die einzelnen Tracks reinzuholen. 

Was ich großartig finde bei Zoom sind die sogenannten Breakout-Räume. Ich kann zum Beispiel Clips einspielen – die Qualität des Ton- und Bildmaterials ist erstaunlich gut – und anschließend in von Zoom eingeteilten neuen Kleingruppen von vier bis sechs Studierenden untereinander diskutieren lassen. Das wird von den Studierenden auch sehr geschätzt. Und auch das ist für mich interessant: Wie gehen die Studierenden mit der Situation um? Was passiert mit ihnen, wenn sie den ganzen Tag in Zoom-Konferenzen sitzen? Wichtig wäre für mich noch, einen besseren Blick für die Studierenden in ihrer jeweiligen Situation zu bekommen. Bisher agiere ich nur mit denjenigen, die teilnehmen. Was ist mit den anderen, die sich eingeschrieben haben? Manche befinden sich ja in einer existentiell schwierigen Situation, haben durch die Corona-Krise ihren Job zum Beispiel in der Gastronomie verloren und wissen nicht, wie sie ihre Miete bezahlen sollen. Die Studierenden sagen, dass sie über Viruszahlen und Entwicklungen eigentlich nicht mehr untereinander reden, die Kritik kommt hauptsächlich von den Eltern, die sich Sorgen um die wirtschaftliche Zukunft ihrer Kinder machen. Dann gibt es aber auch Studierende, die alleine sind und Angst vor Vereinsamung haben. Andere werden von der WG aufgefangen. Diese Unterscheidung nach der jeweiligen Wohnsituation ist für das Verständnis des Agierens der Studierenden ein wichtiger Faktor. Und natürlich sind solche psychischen Hintergrundgeschichten auch etwas, das in die Seminare eingeht.

Stehen Sie als Medienwissenschaftler unter besonderem Performance-Druck?

Nein, ich hoffe nur, ich langweile die Studierenden nicht allzu sehr. Es geht darum, gemeinsam zu schauen, was wir aus unserem jeweiligen Thema und dieser Plattform zugleich herausholen können. Grundsätzlich glaube ich, dass die augenblickliche Lehr-Situation von vielen Lehrenden zu sehr dramatisiert wird. Für so apokalyptisch halte ich die Uni-Lage nicht.

Macht die digitale Lehre insgesamt mehr Arbeit?  

Ich denke ja, aber ich kann es noch nicht richtig einschätzen. Bei der Schein-Anforderung habe ich in diesem Semester im Seminarplan angegeben: „pending“ – mal sehen, wie das aussehen könnte. Ich habe meine Seminare diesmal aber nicht anders vorbereitet als sonst auch.

Können Sie schon etwas über die Ästhetik des digitalen Lehrvideos im Sommersemester 2020 sagen? Welche Muster zeichnen sich ab, welche Typologie wird erkennbar?

Das fängt mit der Ästhetik von Zoom an, der Rasterästhetik, von der ich eben sprach. Dazu hat Bernhard Siegert schon vor fast zwanzig Jahren einen tollen Text geschrieben, der heißt: „(Nicht) Am Ort – zum Raster als Kulturtechnik“. Die nächste Frage, die interessant zu untersuchen wäre: Wie wird innerhalb dieses Rasters auf Zoom binnendifferenziert? Es fängt damit an, dass die Teilnehmer ja zuerst in einen Warteraum vorgelassen werden, dann gebe ich sie als Leiter für die Konferenz frei.

Der Gesprächsleiter bei Zoom hat auf jeden Fall mehr Macht als im Seminar.

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