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Lehrer an Gemeinschaftsschule : Ernüchternder Alltag

  • -Aktualisiert am

Schüler versammeln sich auf dem Schulhof einer Gemeinschaftsschule. Bild: dpa

Ein ausgebildeter Gymnasiallehrer absolviert eine Pflichtzeit an einer Gemeinschaftsschule. Doch dann findet er sich als Sozialarbeiter wieder. Die Chance auf Versetzung wird ihm verwehrt. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Sieben Jahre lang war ich als Gymnasiallehrer an einer baden-württembergischen Gemeinschaftsschule (GMS) tätig. Ich bewarb mich zunächst aufgrund eigener Überzeugungen. Doch schon das erste Jahr war ernüchternd. Aufgrund der Gehaltsunterschiede, aber auch des Bildungs- sowie Anforderungsniveaus kam es zu erheblichen Konflikten. Als gymnasiale Lehrkraft sollte ich schnell Mehrarbeit und verstärkt fachfremden Unterricht halten. Von meinen studierten Fächern Deutsch und Geographie unterrichtete ich nur eines. Ich wusste nicht mehr, wo mir der Kopf stand und wie ich den Bildungsanforderungen und meinen eigenen fachlichen Ansprüchen gerecht werden konnte. Sorge und Ernüchterung über die Lernentwicklung der Schüler machten sich breit und lagen wie ein dunkler Schatten über meine Arbeit.

          Als Gymnasiallehrer fiel mir sofort auf: Dominant unterrichtet wurde auf Hauptschulniveau. Obgleich es vereinzelt auch Schüler mit Gymnasialempfehlung gab, so konnten die Kollegen vor Ort das sogenannte erweiterte Niveau nicht erfüllen. Ich hatte auch Schwierigkeiten, das Hauptschulniveau zu treffen, und überforderte die Schüler. Wir waren alle nicht für das ausgebildet, was wir hier fachlich tun sollten. Ich gab nicht auf und versuchte, meiner Pflicht gerecht zu werden, um den Kindern und Jugendlichen etwas beibringen zu können. Kollegen hatten mit massiven Disziplinproblemen im Unterricht zu kämpfen, welche durch das strikt geführte Konzept des selbstorganisierten Lernens noch gefördert wurden. Die Arbeit in den sogenannten Lernateliers glichen einem reinen Abarbeiten von Arbeitsblättern ohne Methodenwechsel, Lehrkraftbezug, Kommunikation. Schnell bemerkte ich, dass das doch nicht motivierend sein kann. Gerade die schwachen Schüler waren damit zunehmend überfordert und gelangweilt. Der Schulalltag bewies, dass dem Anspruch, auf drei Niveaus unterrichten zu wollen, in derart heterogenen Klassen nicht gerecht zu werden ist, weshalb wir versuchten, die Klassen in homogenere Leistungsgruppen zu trennen. Leider führte das zu Konflikten mit der Schulleitung, die an maximaler Heterogenität festhalten wollte. Ich wollte mich deshalb für eine Verbesserung des Systems einsetzen und wurde als Referatsleiter für Gemeinschaftsschulen beim ­Philologenverband Baden-Württemberg tätig. Wir forderten die Möglichkeit zur äußeren Differenzierung sowie die Wiedereinführung der Noten- und der Versetzungsordnung.

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