https://www.faz.net/-gyl-9ip7h

Willibald Sauerländer : Was gibt’s Neues?

  • -Aktualisiert am

„Dieses steil aufragende, von einem einzigen Rostbraun überzogene Bild mit dem karminroten, nicht geometrischen, sondern wie ein feuriger Riss in der Mitte - man kann nicht entscheiden, ob auf der Oberfläche oder aus der Tiefe - aufleuchtenden ,Zip’ ist von einer vernichtenden Absolutheit. Dieses Bild ist nicht - wie noch die Gemälde Kandinskys - von der äußeren, materiellen Welt abstrahiert. Es ist nichts mehr als seine eigene Präsenz: das ganz Andere, zu dem keine empirische Erfahrung hinführt. Nun, das sind gewiss torkelnde Sätze.“ Willibald Sauerländer 2010 über „Onement III“ von Barnett Newman (1949) Bild: www.scalarchives.com

Der Kunsthistoriker als Zeitgenosse: Erinnerungen an Willibald Sauerländer, der den Wandel seines Fachs zur Bildwissenschaft mit Skepsis begleitete, aber einen jüngeren Kollegen auch über Angela Merkel examinieren konnte.

          9 Min.

          Der Titel meines Beitrags geht auf eine Begegnung mit Willibald Sauerländer im Dezember 2014 zurück. Der Anlass war ungewöhnlich und soll hier eingangs kurz erläutert werden.

          Mit dem Aufruf der „Strafsache gegen Mulka und andere“ begann im Dezember 1963 im Großen Saal des Frankfurter Rathauses der erste Auschwitz-Prozess. Zu den Prozessbeobachtern, die aus dem Gerichtssaal berichteten, gehörte auch der damals sechsundzwanzigjährige Martin Warnke, später Professor für Kunstgeschichte in Marburg und Hamburg und maßgeblicher Mitbegründer der politischen Ikonographie. Die Artikel, die Warnke im Frühjahr 1964 für die „Stuttgarter Zeitung“ verfasste, wurden 2014 – ergänzt um ein aktuelles Interview mit dem Autor – noch einmal veröffentlicht. Willibald Sauerländer hat das Buch für die „Süddeutsche Zeitung“ rezensiert.

          „Wir stehen vor dem erstaunlichen Faktum“, so Sauerländer, „dass die Bibliographie eines methodisch wegweisenden Kunsthistorikers mit Reportagen über den Auschwitz-Prozess begann.“ Es bleibe denkwürdig, „dass der Kunsthistoriker, welcher die politische Ikonographie zum Leitmotiv seines Forschens und Denkens erheben wird, noch vor jeglicher wissenschaftlicher Tätigkeit als Beobachter und Reporter bei dem Prozess über das größte politische Verbrechen des vorigen Jahrhunderts auftrat“.

          Abkehr vom Pathos der kunsthistorischen Erbauungsliteratur

          Eine Woche nach der Publikation von Sauerländers Artikel erschien meine eigene Rezension des Buches in dieser Zeitung (F.A.Z. vom 29. Oktober 2014). Den Beitrag Sauerländers las ich erst einige Tage später. Ich war verblüfft über den Umstand, dass wir dieselben Beobachtungen angestellt, dieselben Passagen der Prozessberichte Warnkes kommentiert hatten – zwei Rezensenten, die unterschiedlicher nicht sein konnten: ein seit Jahren emeritierter Professor der Kunstgeschichte, der die Berichterstattung über die Frankfurter Auschwitz-Prozesse als Neununddreißigjähriger verfolgt hatte, und einer, der damals noch gar nicht geboren war.

          Beide waren wir beeindruckt von dem sachlichen, lakonischen Ton der Berichte Warnkes, der im Gegensatz zu anderen Presseberichterstattern auf jede Psychologisierung verzichtete. Beide kamen wir zu dem Ergebnis, dass Warnkes Artikel nicht nur bedeutende zeithistorische Quellen waren, sondern auch ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte der Kunstgeschichte. Beide schließlich stellten wir eine Verbindung zu Warnkes legendär gewordenen Vortrag auf dem Kunsthistorikertag 1970 in Köln her, mit dem sich die Kritik am Weiterleben totalitärer Denkmuster in den Wissenschaften auch in der Kunstgeschichte Gehör verschaffte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Justizministerin Alma Zadić und Vizekanzler Werner Kogler auf dem Parteitag der österreichischen Grünen am Sonntag in Linz

          Grünen-Parteitag in Österreich : „Regieren ist nix für Lulus“

          Österreichs Grüne ziehen eine erste Bilanz der Koalition mit der ÖVP. Es gibt viele Krisen aufzuarbeiten, doch die Führung ist überzeugt: Den Unterschied zur Vorgängerregierung mit der FPÖ machen die Grünen.

          Autonomes Fahren : Tech-Konzerne auf der Überholspur?

          Noch vor einigen Jahren schien autonomes Fahren das Zukunftsthema schlechthin. Heute steht das Thema nicht mehr in der Öffentlichkeit, doch im Verborgenen liefern sich Automobil- und Tech-Konzerne ein Rennen um die Vorherrschaft auf den Straßen der Zukunft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.