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ERC-Präsidentin im Interview : Vertrauen wir unserer Neugierde

Die neue Präsidentin des Europäischen Forschungsrats Maria Leptin Bild: Privat

Die Wissenschaft gerät immer stärker unter Innovationsdruck. Die neue Präsidentin des Europäischen Forschungsrats, Maria Leptin, sagt, warum sich die Grundlagenforschung davon nicht beeindrucken lassen darf.

          5 Min.

          Nächste Woche treten Sie Ihr Amt als Präsidentin des Europäischen Forschungsrats (ERC) an. Der ERC, der für die Grundlagenforschung in der Europäischen Union zuständig ist, hat einen glänzenden Ruf. Seine Fördermittel, die ERC-Grants, gelten als eine Art Goldstandard. Müssen Sie dort überhaupt etwas verändern?

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Aus meiner Zeit als Mitglied oder Vorsitzende von Auswahlkommissionen kenne ich den ERC von innen. Tatsächlich funktioniert er glänzend. Wenn wir etwas stärker beachten müssen, dann sind es vielleicht die Unterschiede zwischen den Disziplinen. Es gibt nicht in allen Bereichen dieselben Bedingungen, Wissenschaft zu betreiben und zu finanzieren, auch die Bewertungskriterien unterscheiden sich. Da muss man sehen, ob wirklich alle Prozesse allen gleichermaßen gerecht werden. Ein zweiter Punkt ist, dass Forschende in verschiedenen Ländern unterschiedlich gut bei ihren Anträgen für ERC-Grants abschneiden. Manche Länder wie Deutschland und Großbritannien bekommen sehr viele Grants, andere wie Rumänien oder Lettland eher wenige.

          Die Stärke des ERC ist, dass er nach rein wissenschaftlichen Kriterien entscheidet. Wollen Sie das dem Länderproporz opfern?

          Nein, auf keinen Fall, das würde den Grundprinzipien widersprechen. Beim Bewerbungsverfahren sollte deswegen nichts geändert werden. Das heißt aber nicht, dass man nicht versuchen kann, weniger erfolgreichen Ländern dabei zu helfen, erfolgreicher zu werden. Dafür muss natürlich ein Wille im Land vorhanden sein, in die Forschung zu investieren und gegebenenfalls die Forschungskultur zu verändern. Es hat keinen Sinn, Geld in ein Land zu schicken, wenn die Bedingungen für gute Wissenschaft dort nicht gegeben sind. Bei der European Molecular Biology Organization, die ich bis vor Kurzem geleitet habe, gibt es Programme, die Ländern bei der Exzellenzförderung helfen. Das hat sehr gut funktioniert.

          Sollte der ERC Schwerpunkte setzen bei der Förderung?

          Das betrachte ich überhaupt nicht als unsere Aufgabe. Ich finde das Bottom-up-Prinzip perfekt: Forschende werden von ihrer wissenschaftlichen Neugierde und nicht von politischen Prioritäten geleitet. Sie wissen selbst am besten, was interessant ist und wo die Grenzen unseres Wissens liegen. Wir hatten beispielsweise bei der Auswahl der ERC-Synergy Grants, an der ich beteiligt war, eine riesige Zahl von Anträgen, die mit Ökologie und Klimaforschung zu tun hatten. Es war vollkommen unnötig, das zu dirigieren, und wäre wahrscheinlich auch gar nicht möglich gewesen. Es gibt in diesem Bereich tolle neue Forschungsmethoden, die vor fünf bis zehn Jahren noch unmöglich waren und von den Forschern ganz selbstverständlich aufgegriffen werden.

          Wissen war nie wertvoller

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          Der politische Druck auf die Grundlagenforschung wird immer stärker. Die Wissenschaft soll auf gesellschaftliche Ziele wie den Kampf gegen den Klimawandel oder die Förderung der Künstlichen Intelligenz verpflichtet werden. Spüren Sie das auch beim ERC?

          Dem Druck kann man sich kaum entziehen. Das ist schrecklich. Der ERC fördert ja nicht nur Ingenieurs-, Natur- und Lebenswissenschaften, sondern auch Philosophie oder Archäologie, die oft keinen konkreten Nutzen versprechen. Wir finden es toll, wenn alte Höhlen erforscht werden, wenn jemand das Fermatsche Theorem beweisen kann oder ein Higgs-Teilchen findet, ohne dass wir die geringste Ahnung hätten, was das bedeutet. Dieses Interesse ist vorhanden, ohne dass es uns etwas für die Anwendung bringt. Wir müssen immer wieder betonen, dass der ERC Wissenschaft als kulturelle Institution fördert. Zudem kann Pionierforschung auch konkrete Ergebnisse liefern, die der Gesellschaft und der Wirtschaft zugutekommen, zum Beispiel durch die Gründung neuer Industrien und die Entdeckung von neuen Medikamenten. Viele von diesen Entdeckungen waren anfangs oft nicht absehbar.

          Ihr Vorvorgänger im Amt, Mauro Ferrari, hat großen Streit innerhalb des Rats vom Zaun gebrochen mit dem Plan, einen Teil des Budgets auf die Corona-Forschung zu verwenden. Stellen Sie sich darauf ein, politische Begehrlichkeiten in Krisensituationen abwehren zu müssen?

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