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Engagement : Bundesfreiwillige vor!

  • -Aktualisiert am

Bild: Cyprian Koscielniak

Wer sich für das Gemeinwohl engagiert, muss kein barmherziger Samariter sein. Viele Freiwillige suchen Berufserfahrung und wissen anschließend, wie es mit der Karriere weitergehen soll.

          5 Min.

          Lange Flure, gleißendes Licht, Björn Groß schiebt ein Krankenbett über die Station. Er arbeitet als Freiwilliger im Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge in Berlin-Lichtenberg. Der Bundesfreiwilligendienst sollte nur ein Test für den 31 Jahre alten Mann sein. Ein halbes Jahr wollte er den Dienst ausprobieren, daraus sind inzwischen zwölf Monate geworden. Vorher hatte Groß Geologie studiert. „Ich habe es jedenfalls versucht, in mehreren Anläufen“, sagt er. Zuerst auf Diplom, das ging schief, dann auf Bachelor, auch das hat nicht geklappt. Inzwischen sei ihm klar: „Studieren, das war eigentlich nie mein Ding, ich bin eher der praktische Typ.“

          Schonung gab es keine, vom ersten Tag an ging es nah ran an die Menschen. „Ein Krankenhaus musst du dir wie ein Uhrwerk vorstellen, da greift ein Rädchen ins andere“, erklärt Björn Groß. Zähneputzen, waschen, Frühstück reichen, Bettentausch, Wäsche ab- und beziehen, Patienten zur Untersuchung fahren, Müllsäcke leeren, dann schon wieder Mittagessen austeilen. Während der Freiwillige redet, schaut immer mal jemand zur Tür herein, dann kommt eine Frau im blauen Kittel und stellt krachend ein volles Tablett auf den Tisch. „Das muss weggeräumt werden!“ Groß schmunzelt und bleibt gelassen: „Am Anfang war es sehr chaotisch, man ist erst mal der Neue, und jeder gibt dir Anweisungen.“ Er habe nur auf Zuruf gearbeitet. Irgendwann habe er dann mal klargestellt, dass er nicht alles auf einmal machen könne. Damit habe er sich Respekt verschafft, nach zwei Monaten war Ruhe. „Aber vielleicht bin ich selbst auch ruhiger geworden“, sagt Groß.

          Nicht an Alter oder Geschlecht gebunden

          Der Bundesfreiwilligendienst gilt als Ehrenamt. Er ist weder an das Alter noch an das Geschlecht gebunden. Für eine 40-Stunden-Woche erhält der Freiwillige ein Taschengeld von 300 Euro. Das Krankenhaus zahlt Groß zusätzlich Verpflegungsgeld und eine Monatskarte für den öffentlichen Nahverkehr. Insgesamt kommt er auf 458 Euro.

          Doch das ist nicht bei jedem Träger so. Der Kinderring e.V. etwa, bei dem die 21 Jahre alte Lisa Schneider ihr Freiwilligenjahr ableistet, zahlt ihr lediglich das Taschengeld. Die junge Frau hat gleich drei Tätigkeiten innerhalb ihres Dienstes: am Vormittag in der Schule, nachmittags im Hort und an zwei Tagen in der Woche noch in einem Kinderklub. Die Bescheinigung, dass sie überhaupt am Bundesfreiwilligendienst teilnimmt, gab ihr der Träger erst acht Monate nachdem sie ihr Ehrenamt angetreten hatte. „Damit hätte ich wenigstens eine preiswertere Monatskarte bekommen“, sagt Lisa Schneider etwas enttäuscht. Sie lebt noch zu Hause bei ihrer alleinerziehenden Mutter. Zusammen mit dem Kindergeld und den Unterhaltszahlungen kommen sie gerade so hin. Von einer eigenen Wohnung allerdings kann Lisa Schneider vorerst nur träumen.

          Viele Freiwillige, aber auch Träger halten das Bundesfreiwilligengeld für zu niedrig bemessen. Leisten kann sich den Dienst ein Alleinstehender nur, wenn er noch anderweitig unterstützt wird. Björn Groß bezieht zusätzlich Geld vom Jobcenter und lebt in einer Wohngemeinschaft; vom Freiwilligendienstgeld darf er 175 Euro behalten.

          Jessica Fabel, die Beauftragte für den Bundesfreiwillendienst im Evangelischen Krankenhaus Herzberge, sieht den Dienst trotzdem positiv. Zuvor hatte sie im Haus schon die Zivildienstleistenden betreut. Im August vergangenen Jahres haben dann die ersten Freiwilligen in der Einrichtung angefangen. „Zuerst hatten wir ein bisschen Angst, ob das richtig anläuft, aber dann gab es plötzlich sehr viele Bewerbungen.“ Die 25 Jahre alte Frau findet es gut, dass der neue Dienst für alle Altersgruppen offen ist. „Der größte Teil sind bei uns junge Leute, das sind 90 Prozent der Freiwilligen“, betont sie, „aber wir haben auch zwei Rentner, die im Tagesförderungsbereich für Behinderte arbeiten.“ Die Freiwilligen werden in zwei Altersgruppen getrennt, je nachdem, ob sie jünger oder älter als 27 Jahre alt sind. Für jede Gruppe gibt es quartalsweise überregionale Seminare und Workshops. „Den Pflegeberuf stellen sich viele in der Regel doch anders vor“, sagt Jessica Fabel, „darum werden den Freiwilligen im Krankenhaus vorher verschiedene Einsatzgebiete vorgeschlagen, und dann wird ein Hospitationstag vereinbart.“ Der Andrang ist inzwischen größer als das Stellenangebot, schon jetzt gibt es Bewerber für den Januar, wenn die nächsten Plätze vergeben werden.

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