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Endometriose : „Das Thema Reproduktion kommt im Studium schlicht zu kurz“

Janine Moyer Bild: privat

Janine Moyer stieß per Zufall auf ihr Promotionsthema. Im Gespräch erklärt sie, warum bisher so wenig zu Endometriose bekannt ist und wieso eine Therapie für die weit verbreitete Krankheit so schwierig ist.

          3 Min.

          Frau Moyer, Sie haben die Deutsche ­Science-Slam-Meisterschaft gewonnen – mit einem Thema, das sonst nur wenig Aufmerksamkeit erfährt. Dabei betrifft es viele Frauen: Endometriose, eine schmerzhafte Erkrankung der Gebärmutterschleimhaut.

          Natalia Wenzel-Warkentin
          Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.

          Ich konnte das selbst gar nicht glauben. Anfänglich kam ich nicht so gut an, was naturgemäß an meinem Thema liegt. Wenn Sie in den Raum kommen und anfangen, vom Zyklus und der Menstruation zu sprechen, dann ist es erst mal still. Denn diese Themen sind immer noch sehr schambehaftet. Aber nach jedem meiner Auftritte war das Interesse groß, und die Menschen gaben mir tolles Feedback. Da waren übrigens auch Männer dabei, Familienväter zum Beispiel, die sich über Endometriose informieren wollten.

          Sie sind Biologin und promovieren am Uniklinikum Essen. Warum haben Sie ausgerechnet die Endometriose zum Thema Ihrer Doktorarbeit gemacht?

          Ich bin da so reingestolpert. Ursprünglich wollte ich in die Krebsforschung, habe dann aber festgestellt: Das machen echt viele. Dann habe ich mich umgeschaut und fand den Reproduktionsbereich eigentlich viel spannender. Zumal wir ihn im Biologiestudium höchstens angeschnitten haben. Hier mal ein kurzer Ausflug in den Menstruationszyklus, da ein bisschen Spermienbildung, dann die Entwicklung des Kindes. Das kommt schlicht zu kurz. Dass dann diese Stelle in Essen ausgeschrieben wurde, war ein reiner Zufall, über den ich sehr glücklich bin.

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          Das hört sich nicht so an, als gäbe es viel Forschung zu diesem Thema und der weiblichen Reproduktion allgemein.

          Das stimmt leider. Durch Corona konnte ich ortsunabhängig an vielen Kongressen teilnehmen, und dort begegnen einem immer wieder dieselben Namen. Sowohl national als auch international. Die Zahl der Menschen, die sich damit beschäftigen, ist wirklich überschaubar.

          In Ihrem Beitrag vergleichen Sie die Endometrioseherde zur besseren Anschauung mit Todessern, den bösen Anhängern von Lord Voldemort im Harry-Potter-Universum von J.K. Rowling. Wenn wir in dieser Analogie bleiben: Wie versuchen Sie als Zauberschüler Harry, gegen die Krankheit vorzugehen?

          Wenn ich über Endometriose spreche, können sich viele Menschen kaum etwas darunter vorstellen. Um das Ganze zu verbildlichen, habe ich als Potterhead die Harry-Potter-Szenerie gewählt. Endometrioseherde, die aus abgestoßener Gebärmutterschleimhaut entstehen, siedeln sich außerhalb des Uterus an und verursachen dort Probleme: Zysten, Einblutungen oder Schmerzen zum Beispiel. Und ähnlich wie bei den Todessern geschieht das im Verborgenen. Manche erfahren erst bei einem Kinderwunsch oder nach einer Geburt von diesen Endometrioseherden. Ich versuche nun, an dem Prozess der Dezidualisierung anzusetzen. Die Dezidualisierung ist Teil der Sekretionsphase des Menstruationszy­klus, ein natürliches Signal, eine Veränderung der Zellen, sodass die Zellen sich nicht ungebremst vermehren, weiterwachsen und sich außerhalb des Uterus anheften können.

          Bei Endometriose-Betroffenen läuft diese Zellvermehrung also anders ab als bei gesunden Frauen?

          Dies ist eine der Theorien. Inwiefern sie anders reagieren, ist immer sehr unterschiedlich, was wiederum zur ungeheuren Symptom-Vielfalt dieser Krankheit passt, aber es gibt Hinweise darauf, dass es da bei Endometriose-Betroffenen hakt. Dabei ist die Zellvermehrung und anschließende -veränderung fundamental, um das „Kissen” zu bilden, in dem sich ein Embryo einnisten kann. Wir betreiben da gerade echt Grundlagenforschung und arbeiten mit einer Kinderwunschpraxis zusammen, von der wir das Untersuchungsgewebe beziehen. Natürlich mit dem Einverständnis der Patientinnen. Dieses Gewebe fällt bei Routineuntersuchungen an und wird danach nicht mehr gebraucht. Für mich ist das wertvolles Material. Wir holen das auch ab (lacht). So habe ich mir Stück für Stück eine kleine Zellbank aufgebaut.

          Sie arbeiten aber bislang nur mit menschlichem Material und nicht am Menschen selbst?

          Genau, ich habe die meiste Zeit über mit Primärzellen in In-vitro-Zellkulturversuchen sowie im letzten Drittel meiner Doktorarbeit mit dem ursprünglichen Gewebe im In-vivo-Endometriose-Maus-Modell gearbeitet. In den In-vivo-Versuchen habe ich das ursprüngliche Gewebe in eine Maus transplantiert und geschaut, wie es sich verhält. Das ist natürlich nicht unumstritten, aber leider müssen wir aktuell noch auf solche Methoden zurückgreifen. Wichtig dabei ist, verantwortungsbewusst damit umzugehen. Ich habe meine Ergebnisse jetzt und bin dabei, die einzelnen Puzzleteile zusammenzusetzen und alles aufzuschreiben, um die Arbeit in diesem Jahr zu veröffentlichen.

          Bisher gibt es keine Heilung für Endometriose. Können Betroffene hoffen, in einigen Jahren eine adäquate Therapie zu bekommen – vielleicht auf Grundlage Ihrer Forschung?

          Das ist schwierig zu sagen. Forschung – und das musste ich selbst auch lernen – kann unglaublich frustrierend sein, weil man immer wieder an den Punkt kommt, an dem es einfach nicht weitergeht. Aber man muss dranbleiben und weitermachen. Natürlich hoffe ich, mit meinen Forschungsergebnissen dazu beitragen zu können, dass diese Krankheit irgendwann der Vergangenheit angehört. Aber sie ist eine multifaktorielle Krankheit, was bedeutet, dass da noch viele andere Forschungsbereiche eine Rolle spielen. Doch allein die Tatsache, dass sie immer mehr Aufmerksamkeit erfährt und auch in der Wissenschaft immer mehr Forschung hierzu betrieben wird, ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

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