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Aus Überzeugung : Einmal die Welt retten

  • -Aktualisiert am

Elektroauto vom Campus: Der an der RWTH Aachen entwickelte Kleinwagen soll schon ab 2018 auf deutschen Straßen unterwegs sein. Bild: e.Go Mobile AG

Ingenieure können nicht nur technische Probleme lösen, sondern auch die Welt ein bisschen besser machen. Möglichkeiten dazu gibt es genug: ob nun bei sauberen Antrieben, in der Medizintechnik oder als Experte für den Katastrophenschutz.

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          Gutes tun und damit auch noch Geld verdienen – für viele junge Hochschulabsolventen wäre das die ideale Kombination. Laut einer Umfrage der Unternehmensberatung McKinsey wollen 39 Prozent aller befragten Deutschen keinen Job, der nicht sinnstiftend ist. Das Problem: Viele soziale oder nachhaltige Jobs sind schlecht bezahlt. Oft gibt es nur befristete Verträge. Sinnvoll und trotzdem lukrativ ist dagegen die Arbeit von Ingenieuren, die sich mit erneuerbaren Energien oder Medizintechnik beschäftigen. Entsprechende Unternehmen und Forschungseinrichtungen suchen händeringend qualifizierten Nachwuchs und bieten dafür gute Gehälter und interessante Aufstiegsperspektiven. 

          Diese Erfahrung hat auch Matthias Kreimeier gemacht. Der 32-Jährige studierte Maschinenbau und Wirtschaftsingenieurwesen in Dortmund und Aachen. Danach arbeitete er am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie in Aachen und beschäftigte sich dort mit Fragestellungen des Technologiemanagements und des Technologieeinkaufs. Vor zwei Jahren bekam er die Chance, zum Elektroautobauer e.GO Mobile zu wechseln. Das junge Start-up hat seinen Sitz auf dem Campus der RWTH Aachen, einer der führenden technischen Universitäten in Deutschland. Das Team um Günther Schuh, Professor für Produktionssystematik, arbeitet an einem bezahlbaren und modernen Stadtauto mit Elektromotor. „Als ich die Chance bekam, hier einzusteigen, musste ich nicht lange überlegen. Eine spannendere Aufgabe als die, Autos von morgen zu entwickeln, gibt es für mich als Ingenieur kaum“, sagt Kreimeier. Auch privat sei er ein großer Autofan.

          Praktischer Elektroflitzer für Jedermann

          In dem Aachener Start-up haben es Mobilitätsinnovationen leichter als etwa in Großkonzernen. So kostete die Entwicklung des ersten Fahrzeugs, des e.GO Life, „nur“ rund 30 Millionen Euro. Große Hersteller investieren für neue Modelle schnell das Zehnfache. Auch die Entwicklung ging deutlich schneller – vor allem weil man die Ressourcen und Ideen der nahen Hochschule und von den auf dem Campus immatrikulierten Partnerfirmen nutzen konnte. Schon im nächsten Jahr soll der Kleinwagen auf deutschen Straßen fahren. Derzeit wird ein passendes Werk gebaut. „Wir haben ein praktisches Stadtauto für den Kurzstreckenbetrieb entwickelt“, schwärmt Kreimeier. Auf den ersten Blick ist der e.GO Life vor allem ein netter Kleinwagen, mit Infotainment-System, der Schaltung am Lenkrad und einem Kofferraum, der groß genug für den Wocheneinkauf ist. Die Akkus in der höchsten Leistungsvariante reichen für gute 150 Kilometer und können an der Haussteckdose geladen werden. Damit sei es sicher kein Auto für die Langstrecke oder für die Fahrt in den Urlaub, gibt der junge Ingenieur zu. Für die Stadt und die tägliche Fahrt zur Arbeit reiche die vergleichsweise geringe Reichweite aber völlig aus. Immerhin legen die meisten Autofahrer kaum mehr als 30 bis 50 Kilometer pro Tag zurück, verteilt auf mehrere Einzelfahrten wohlgemerkt. 

          Damit die gesamte Elektromobilität wirklich umweltfreundlich ist, braucht es aber auch die richtigen Energiequellen: „Der Strom für die Elektroautos sollte im Idealfall aus regenerativen Quellen wie Solarenergie oder Windkraft gewonnen werden. Leider haben wir darauf nur wenig Einfluss. Da ist jeder Verbraucher in der Pflicht, auch heute schon seinen Strom aus umweltfreundlichen Quellen zu beziehen. Wir können aber Fahrzeuge bauen, die möglichst viele Menschen fahren“, erklärt Kreimeier weiter. Ein wichtiger Faktor dafür ist der Preis. Deshalb sind die e.GO-Modelle auch günstiger als die meisten anderen Elektrofahrzeuge von BMW, Tesla & Co. Der Neupreis für das Basismodell mit 20 Kilowatt Leistung liegt bei 15.900 Euro. Käufer bekommen noch 4.000 Euro Umweltprämie vom Staat. Das Gesamtpaket scheint zu stimmen: Nach eigenen Angaben gibt es bereits 1.400 Vorbestellungen für den Kleinwagen. Außerdem arbeitet die Entwicklungsabteilung schon an neuen Modellen wie dem Kleinbus e.GO Mover. Er könnte einmal für den Personennahverkehr oder als Familienauto eingesetzt werden.

          Medizintechnik statt OP-Saal

          Nicht den Stadtverkehr, sondern die Arbeit im Operationssaal und die Therapie von Krebspatienten werden mit den Ideen von Lena Jähnert und ihren Kollegen verändert. Die 28-jährige Maschinenbauingenieurin arbeitet in der Projektgruppe für Automatisierung in der Medizin und Biotechnologie am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) in Mannheim. Auch sie hat sich aus Idealismus und Technikbegeisterung für den Ingenieurberuf entschieden. „In meiner Familie gibt es viele Ärzte und Krankenschwestern. Selbst im OP-Saal zu stehen kam für mich aber nie in Frage. Ich habe mich für Medizintechnik interessiert“, erklärt sie. 

          Als Jähnert 2008 ihr Studium begann, gab es noch kaum passende Studienangebote. Deshalb studierte sie Maschinenbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und spezialisierte sich auf Medizintechnik. Für die Abschlussarbeit kam sie an das Fraunhofer IPA – und blieb als wissenschaftliche Mitarbeiterin. In ihrer Arbeitsgruppe werden Antriebe für Geräte und Instrumente entwickelt, die Ärzten im Operationssaal das Leben erleichtern sollen. Zum Beispiel wird nach Wegen gesucht, um die Instrumente bei minimalinvasiven Eingriffen noch genauer zu führen oder bildgebende Verfahren besser und störungsfreier zu machen. Gerade im Kampf gegen Krebs ist das ein wichtiges Thema. 

          Selbst für geübte Chirurgen ist es eine Herausforderung, einen Tumor vom umgebenden gesunden Gewebe zu trennen. Um zu sehen, wo der Krebs anfängt und wo er endet, braucht es technische Unterstützung. Zum Beispiel wird der Tumor mit Fluoreszenzfarbstoffen markiert und dann mit einem speziellen Licht bestrahlt. Bisher waren so aber nur gesundes Gewebe oder der Krebs zu sehen. Ein am IPA entwickeltes Kamerasystem verbindet nun beide Sichtweisen und ermöglicht Chirurgen so, genauer zu schneiden. Die Nebenwirkungen der Operationen für die Patienten könnten dadurch weniger werden. Leben retten, Heilungschancen verbessern – für Jähnert waren genau diese Aussichten ein wichtiges Argument für die Berufswahl. „Ich möchte nicht einfach nur Bauteile leichter oder Antriebe schneller machen. An meinem Institut habe ich die Chance, an zahlreichen sinnvollen Projekten mitzuarbeiten und Verbesserungen direkt in die Praxis zu bringen“, erklärt die 28-Jährige. Dafür steht ihre Arbeitsgruppe auch in engem Austausch mit den Ärzten aus dem Mannheimer Universitätsklinikum. Sie unterstützen die Ingenieure mit Feedback zu ihren Ideen und bringen eigene Wünsche in die Forschung ein.

          Für den Ernstfall ausgebildet

          Aus der Medizin in die Technik hat es auch Florian Hartart verschlagen. Der junge Hamburger arbeitete früher als Rettungssanitäter und engagierte sich in der Freiwilligen Feuerwehr. Um sich beruflich weiterzuentwickeln, entschied er sich 2011 für einen noch sehr jungen Studiengang – und zwar Rettungsingenieurwesen. „Im Medizinstudium hätte mir die Technik gefehlt. Die Organisation von Einsätzen und die Entwicklung von Konzepten für den Katastrophenfall interessieren mich mehr als die reine Medizin“, sagt er.

          Rettungsingenieure arbeiten als Führungskräfte im Rettungsdienst, beim Katastrophenschutz oder bei Hilfsorganisationen.

          Der Studiengang an der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaft (HAW) verbindet technische Fächer wie Fahrzeugtechnik oder Baustatik mit Psychologie, Epidemiologie oder Controlling. Damit werden die Studierenden auf Führungspositionen im Rettungsdienst, Katastrophenschutz oder bei Hilfsorganisationen vorbereitet. Dabei sind nicht nur Management und Führungsqualitäten gefragt, sondern auch technisches Wissen. Die Rettungsingenieure müssen zum Beispiel im Einsatz die Auswirkungen von enormer Hitze oder Erdbeben auf Häuser einschätzen können. Dieses Knowhow ist gefragter denn je, immerhin steigt durch den Klimawandel auch die Zahl der Naturkatastrophen und Wetterextreme. 

          Hartart selbst hat nach seinem Studium einen eher ungewöhnlichen Weg eingeschlagen. Er blieb als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HAW Hamburg und forscht nun zum Einsatz von neuen Medien in Katastrophenfällen. „Die Digitalisierung verändert nicht nur die Medien-branche, sondern auch die Einsätze von Rettungskräften. Mich interessiert vor allem, wie die unzähligen Informationen der zunehmend vernetzten Städte bei einem großen Unglück genutzt werden können“, berichtet er. Eine spannende wie neue Forschungsfrage, bei deren Beantwortung ihm sein technisches Wissen genauso weiterhilft wie die Erfahrung als Rettungssanitäter.

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