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Sehnsucht nach Vergleichbarkeit : Warum ein bundesweites Zentralabitur unrealistisch ist

Abschreiben fast unmöglich: Einzeltische mit weitem Abstand für die Abiturprüfung in einer Turnhalle. Bild: SZ Photo

Wieder mal bricht eine Debatte über das Zentralabitur los. Dabei gibt es gemeinsame Standards, es halten sich nur nicht alle dran – und dafür sind vor allem die Länder verantwortlich.

          6 Min.

          Alle Jahre wieder, im nicht existierenden Sommerloch bricht der Streit um das Zentralabitur aus. Immer erhebt die amtierende Bundesbildungsministerin die Stimme, obwohl sie eigentlich nicht dafür zuständig ist. Für das Zentralabitur legten sich Annette Schavan, Johanna Wanka und nun auch Anja Karliczek (alle CDU) ins Zeug. Sodann folgen die Ministerpräsidenten aus Ländern, die noch viel von der Qualität ihrer Schulen halten, auch wenn die hehren Vorstellungen nicht immer mit der Realität in Einklang zu bringen sind. Wann immer es um das Abitur geht, entzweien sich Bundes- und Landespolitiker. In Zweifel versteht jeder etwas anderes unter einem Zentralabitur. Die Vorstellung, dass 16 Schulsysteme und Prüfungen vollkommen gleich sein könnten, ist schlicht unrealistisch. Besonders abenteuerlich wird es dann, wenn Ministerpräsidenten oder Bundespolitiker fordern, was es längst gibt: gemeinsame Standards und Mindestanforderungen. Die existieren seit 15 Jahren. Lesen hilft, auch gegen solche haltlosen Behauptungen. Warum ist es dann trotzdem so schwer, die unterschiedlichen Prüfungsbedingungen und Bestimmungen der Länder in einen wirklich vergleichbaren Rahmen zu bringen?

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Schließlich haben sich die Länder doch schon vor Jahren dazu entschlossen, gemeinsame Aufgaben zu verfassen und einen gemeinsamen Aufgabenpool einzurichten. Doch das löst das Problem nicht, wie wir spätestens seit dem Abitur 2019 wissen. Wann immer der Kultusministerkonferenz vorgehalten wird, dass der Pool gescheitert sei, verweist sie darauf, dass der Pool sehr gut sei. Doch der Pool ist so lange unsinnig, als seine Benutzung freiwillig ist. Gemeinsame Aufgaben im Pool sind nicht alles. Es geht darum, die Prüfungsbedingungen anzugleichen. Und davon sind die 16 Länder noch meilenweit entfernt. In einem Land werden fünf Prüfungen gefordert, ein anderes gibt sich mit vier zufrieden. Mancherorts dürfen Schüler im Mathe-Abi eine Rechenmaschine namens „Computer-Algebrasystem“ benutzen, in Berlin nur einen einfachen „wissenschaftlichen Taschenrechner“. In einigen ist ein einsprachiges Wörterbuch in den Fremdsprachen erlaubt, in anderen sogar ein zweisprachiges. Die interne Liste über die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der Abiturprüfungen der Länder könnte kaum absurder sein.

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