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Vertrauensbasis für Internet : Blockchain-Forschung erobert die Universitäten

  • -Aktualisiert am

Wer Vertrauen errechnen will, braucht viel Energie: Generatoren in einer Bitcoin-Mining-Farm Bild: mauritius images / Andia / Alamy

Einst von Dissidenten zum Schutz vor Autokraten begonnen, erobert die Forschung zur Blockchain heute die Universitäten. Kann die neue Technologie die digitale Sphäre wieder zu einem sicheren Ort machen?

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          Nichts wird mehr sein, wie es war“, stellt Alexandra Giannopoulou nachdenklich fest. „Corona hat unser komplettes Forschungsfeld um Jahre nach vorne katapultiert.“ Im Neuköllner Café um sie herum herrscht Sommerstimmung, doch Giannopoulou denkt an Dinge, die weit über den Moment hinausgehen. Im Blockchain & Society Lab an der Universität Amsterdam widmet sich die Juristin gemeinsam mit ihren Kollegen der Frage, ob unsere Gesellschaft den neuen digitalen Technologien überhaupt Vertrauen entgegenbringen sollte. Und was zu beachten ist, damit dieses Vertrauen kein blindes ist.

          Gerade bei der Entwicklung von Corona-Apps ist das bedeutsam. Für deren Erfolg ist entscheidend, ob die Bevölkerung der Technologie vertraut und sie flächendeckend nutzt. Ein kompliziertes Unterfangen, das gerade in Deutschland schnell mit Überwachung in Verbindung gebracht wird. Laut Giannopoulou handelt es sich bei der App der Bundesregierung tatsächlich um ein Instrument, das auch Skeptiker überzeugt. „Viele meiner Forscherkolleginnen und -kollegen haben ihre laufende Arbeit sofort hingeschmissen und daran mitgearbeitet“, erzählt sie und erinnert daran, dass die App anders als ihr französisches Pendant durchaus erfolgreich war. In Frankreich hatte man weniger Rücksicht auf den Datenschutz genommen. Die Bevölkerung reagierte ablehnend.

          Die entscheidende Frage ist aber, weshalb die Datenschutzvorkehrungen in Deutschland überhaupt verfügbar waren. Verantwortlich dafür scheinen gerade jene oft belächelten Bedenkenträger zu sein, die aus ihrer kritischen Position heraus frühzeitig neue Ansätze entwickelten, die sie bis in die Think Tanks der Europäischen Union einspeisen konnten. Frühzeitig heißt in diesem Fall nicht etwa seit den frühen Tagen der Corona-Krise, sondern seit den späten Neunzigern, als das Internet für die breite Masse noch in den Kinderschuhen steckte.

          Techniken zur Gesellschaftsreform

          In jener Zeit fanden sich zahlreiche politisch Verfolgte und Systemkritiker zusammen, um nach digitalen Technologien für den Schutz der Privatsphäre zu suchen. Es war eine vielfältige Bewegung, die auf gesellschaftliche Veränderung abzielte und meinte, staatlicher und wirtschaftlicher Korruption mit digitalen Instrumenten Schranken setzen zu können. Sie konzentrierten sich auf vier Bereiche: abhörsichere Kommunikation, dezentrale Organisation, Entwicklung einer nichtstaatlichen Währung und ein möglichst anonymer, aber belastbarer Identitätsnachweis.

          Alle vier Felder erweisen sich aus heutiger Sicht als Volltreffer. Im Zentrum steht jeweils die Blockchain, jene ominöse Alleskönnerin, die zuerst im Zusammenhang mit der digitalen Währung „Bitcoin“ Bekanntheit erlangte und sich seither einfachen Erklärungsversuchen entzieht. Bitcoins kann sich der Laie meist noch als gegenstandslose, digitale Währung vorstellen, deren Zweck den meisten fragwürdig erscheint. Ihren Erfindern ging es jedoch in erster Linie um die Unabhängigkeit von staatlicher Finanzpolitik. Nimmt man die großen Wertschwankungen in Kauf, bietet die Bitcoin-Währung tatsächlich genau diesen Vorteil. Das Geld, richtig gekauft und digital oder analog geparkt, ist ohne globalen Stromausfall sicher und dessen Besitzer anonym.

          Bei der Blockchain handelt es sich um ein dezentrales Netzwerk verschlüsselter Datenbanken, die im Verbund die Authentizität einer Transaktion beweisen und dabei die Anonymität aller Beteiligten garantieren. Man kann beispielsweise Geld verschicken, ohne dass Banken, Regierungen oder Smartphone-Hersteller involviert sind. Auch lässt sich durch die Blockchain stark einschränken, dass private Daten von Unternehmen oder Institutionen ausgelesen oder gespeichert werden können.

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