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Volldampf: Eine Professorin unterrichtet Motivation : Die Energie-Beraterin

  • -Aktualisiert am

Das klingt nach Selbstoptimierung.
Ich werde oft gefragt: „Frau Brohm, wollen Sie die alle erfolgreich machen?“ Aber Erfolg ist in meinen Augen das, was derjenige möchte. Erfolg hat für mich der, der eigene Perspektiven entwickeln kann. Der oder die kann Lamas in Südfrankreich züchten. Ich frage meine Studierenden auch nicht danach, was sie mal werden möchten. Ich frage sie nach ihrem idealen Tag in zehn oder zwanzig Jahren. Also: Wie stehen Sie morgens auf? Liegt da jemand neben Ihnen? Ist das ein Mann oder eine Frau? Wie verläuft der Tag?

Haben Sie noch mehr solcher Übungen?
Ich rege die Studierenden an, sich abends zu fragen: Was ist heute gut gelaufen? Das ist eine Übung, die viel bringt für die Psyche, weil man seinen Fokus auf das richtet, was gut ist. Da öffnet sich das Bewusstsein, da lösen sich Blockaden, man ist wieder aufnahmebereit.

Haben Sie mal eine Gewohnheit geändert?
Ich spiele gern Cello. Ich habe immer gedacht, ich müsste dreimal die Woche üben. Meistens hat das nicht geklappt, weil zu wenig Zeit war und ich dachte, es lohnt sich nicht. Dann habe ich angefangen, jeden Tag zehn Minuten zu spielen. Das geht immer. Manchmal bleibe ich hängen und spiele länger. Das Cello ist wieder Teil meines Lebens geworden, nur weil ich eine Gewohnheit verändert habe. Gewohnheiten schleifen sich neurologisch ein, hinterlassen deutliche Spuren im Gehirn. Man kann neue Spuren legen.

Welche Theorie liegt Ihrem Motivationstraining zugrunde?
Mein Ansatz ist empirisch. Er entspringt der Leistungsmotivationsforschung und der positiven Psychologie, ist also nicht esoterisch. Es geht um die Öffnung des Bewusstseins. Um Open-Mindedness. Der Zustand, in dem Menschen am besten lernen, sich entwickeln, wachsen. Sie öffnen sich kognitiv und emotional, sie gehen Risiken ein und nehmen Chancen wahr. Es gibt nachweislich eine hohe Korrelation zwischen erfolgreichem Lernen und positiven Gefühlen.

Wie lernt man nicht so gut?
Mit Angst. Angst führt zu einem engen Bewusstsein. Bei Angst musste man früher in die Höhle flüchten. Ohne Angst konnte man rausgehen aus der Höhle und die Welt entdecken. Die Psyche besteht aus Kognition, Emotion und Motivation. Man kann kognitive Prozesse anstoßen, wenn jemand emotional und motivational bereit ist. Da stellt sich nicht so sehr die Frage nach der Leistung, sondern danach, in welchem Zustand ich mich als Mensch wohlfühle? Es geht um intrinsische, nicht um extrinsische Anreize.

Was sind extrinsische und intrinsische Anreize?
Extrinsisch meint, dass der Beweggrund des Verhaltens außerhalb der Handlung selbst liegt. Alles, was wir Kindern, Jugendlichen und Studierenden versprechen, sind extrinsische Anreize. Fünf Euro für eine gute Note. Ein Fahrrad. Leistungspunkte im Studium. Intrinsisch hingegen ist die Kraft, die aus uns selbst kommt. Weil wir eine Handlung vollbringen wollen – um der Tätigkeit willen.

Sind extrinsische Anreize gut oder schlecht?
Alles, was wir darüber wissen, deutet in die Richtung, dass die extrinsische Motivation die intrinsische zerstört.

Wow. Das ist ein Hammer.
Experimente mit Kindern zeigen das immer wieder: Gibt man Kindern, die gesagt haben, dass sie gern malen, eine Zeit lang jedes Mal, wenn sie gemalt haben, fünfzig Cent oder einen Euro, malen sie nicht mehr gern.

Wie erklären Sie sich das?
Die Belohnung wird zum Sinn der Beschäftigung, es wird nicht die Beschäftigung selbst belohnt. Die Freude am Tun geht verloren. Es ist viel leichter, Menschen mit anderen Dingen zu etwas zu bringen als mit Belohnungen. Wahrnehmung ist eines der besten Führungsinstrumente. Gesehen zu werden ist ein großes Bedürfnis der Menschen. Denken Sie nur an die Performance-Künstlerin Marina Abramovic, die sich im Museum of Modern Art in New York drei Monate lang auf einen Stuhl gesetzt hat und diejenigen, die ihr gegenübersaßen, angeguckt hat. Die Leute standen um ganze Häuserblocks herum an, um von ihr gesehen zu werden. Ein anderes Führungsinstrument ist Wirksamkeit. Wenn es uns gelingt, Menschen zu vermitteln, dass sie wirksam sein können, können sie das auch sein. Wenn man ihnen vertraut.

An Schulen hört man ja oft eher solche Sprüche: „Ich weiß gar nicht, wie du es aufs Gymnasium geschafft hast.“
Oh ja. Die Sätze kenne ich auch: „Mensch, kannst du das noch nicht?“ Oder: „Hast du das immer noch nicht kapiert?“ Solche Bemerkungen können Motivation grundlegend zerstören. Ich bin eine vehemente Gegnerin dieser pessimistischen Pädagogik. Ich wünsche mir optimistische Pädagogik an den Schulen. Lehrer, die sagen: „Die können was. Die wollen was. Wir können gemeinsam was schaffen.“

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