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Studieren als „Arbeiterkind“ : Ein weiter Weg ohne große Sprünge

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Keine Karriere auf Knopfdruck: Felicitas Rapp war die Erste, die in ihrer Familie studierte. Auf dem Weg zur Strahlenbiologie musste sie neben dem Studium im Altenheim und an der Uni jobben, weil es ihr an finanzieller Unterstützung fehlte. Heute forscht sie am Darmstädter GSI-Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung und für die Europäische Raumfahrtagentur Esa. Bild: Privat

Kinder, die keine Akademiker in der Familie haben, studieren nicht nur seltener, sie werden auch weniger oft promoviert. Doch es gibt Bemühungen, dies zu ändern.

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          Frankfurt. Wäre es nach dem Berufsberater gegangen, den Anja Heselich nach der zehnten Klasse aufgesucht hat, würde ihr Leben heute vielleicht anders aussehen. Zwar hatte sie sich schon damals für Chemie und Biologie, für Technik und Naturwissenschaften interessiert, doch um Fachabitur, Studium oder gar Doktortitel kreiste das Beratungsgespräch keineswegs. „Eher um den Schulabgang mit mittlerer Reife.“ Zum Glück hatte die junge Frau eigene Vorstellungen. Heute arbeitet Heselich am Frankfurter Universitätsklinikum, koordiniert klinische Studien in einem Labor für regenerative Medizin. „Eine Position, die ich nur bekommen habe, weil ich promoviert habe.“

          Die 38 Jahre alte Frau hat an der Hochschule Darmstadt Chemische Technologie mit Schwerpunkt Biotechnologie studiert und am Fachbereich Biologie der TU Darmstadt 2012 ihre Doktorarbeit geschrieben. Sie ist die Erste, die in ihrer Familie einen akademischen Titel erworben hat, und das unter eher schwierigen Voraussetzungen. Heselichs Mutter war alleinerziehend, stammte aus der DDR. „Sie hätte als junge Frau gerne selbst studiert, aber das ging nicht“, berichtet Heselich. Das Familieneinkommen ließ keine großen Sprünge zu, aber die Mutter ermunterte die Tochter trotzdem zu Studium und Promotion. „An der Hochschule und später auch der Uni habe ich gemerkt, dass es so mancher finanziell einfacher hatte. Ich musste immer nebenher arbeiten, als Verkäuferin, im Lager, im Supermarkt, später als Hiwi“, erzählt sie. Hinzu kam nach dem Wechsel an die Universität anfänglich die Angst: „Ich bin nur von der FH, schaffe ich die Promotion überhaupt?“

          Erste Generation Promotion

          Anja Heselich ist eine Ausnahme. Laut Hochschul-Bildungsreport 2017/18 machen zwar zehn von hundert Akademikerkindern ihre Promotion, aber nur ein Arbeiterkind kann sich den Doktorhut aufsetzen. Noch immer sind der Bildungshintergrund und die finanziellen Möglichkeiten der Eltern entscheidend. Von 100 Grundschülern nehmen 74 Jugendliche, deren Eltern studiert haben, selbst später ein Studium auf. Bei Nichtakademiker-Familien sind es nur 21. Eine Entwicklung, die sich in einem ähnlichen Verhältnis bei Bachelor- und Masterabschlüssen fortsetzt. „Wir merken das auf allen Bildungswegen. Die Herkunft ist bei jedem Schritt ein Selektor, auch bei der Promotion“, sagt Wolf Dermann, Mitbegründer und stellvertretender Geschäftsführer der Seite www.arbeiterkind.de. Die bundesweite Initiative unterstützt seit 2008 Nichtakademiker-Kinder auf ihrem Weg an die Hochschulen. Rund 6000 ehrenamtliche Mentoren und 80 Ortsgruppen von „Arbeiterkind“ gibt es von Bremen über Berlin bis München. In Hessen sind in allen Hochschulstädten Gruppen ansässig, die offene Sprechstunden und Treffen anbieten.

          Mittlerweile rückt die Promotion mehr in den Blick. „Studierende aus Nichtakademiker-Familien gehen eher an Fachhochschulen als an die Universität“, sagt Wolf Dermann. „Der Weg zur Promotion ist dadurch nochmals schwerer.“ Viele entscheiden sich nach dem Studium zudem dafür, lieber schnell Geld zu verdienen, statt akademische Meriten zu erwerben. Auf dem Portal von „Arbeiterkind“ haben sich unterdessen Promotionsgruppen gebildet, auch wenn diese deutschlandweit noch rar sind. Es gibt sogar einen ersten speziell zu diesem Zweck gegründeten Verein „Erste Generation Promotion“ mit Sitz in Köln.

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