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Frankfurts ältester Buchdruck : Ein Lehrbuch voller Rätsel

Das Buch „Ludus studentum Friburgensium“ aus dem Jahr 1511 enthält auch eine Volvelle, mit der sich Studenten spielerisch die lateinische Silbenlehre aneigenen sollten. Bild: Uwe Ebbinghaus

Die Frankfurter Universitätsbibliothek hat gerade das älteste in der Stadt gedruckte Buch erstanden. Es ist ein Lateinlehrbuch, das herausfordert. Interview mit dem Leiter der Abteilung für frühe Drucke.

          3 Min.

          Für wen war das Buch „Ludus studentum Friburgensium“ aus dem Jahr 1511 (hier geht es zum Digitalisat) gedacht, das erste überhaupt, das in Frankfurt gedruckt wurde?

          Uwe Ebbinghaus
          Redakteur im Feuilleton.

          Bernhard Tönnies: Es richtete sich an Studenten der lateinischen Sprache und Literatur. Das geht auch aus der Vorrede hervor, in der die Studenten angesprochen werden.

          Wie wurde das Buch im Studium eingesetzt?

          Es kam im Grundstudium zum Einsatz, im Trivium der Septem artes liberales, in dem die Studenten unter anderem Latein lernen mussten, sofern sie es noch nicht konnten. Latein war die Wissenschaftssprache der damaligen Zeit, das Beherrschen derselben war die Voraussetzung, um studieren zu können. Es war ein Lehrbuch, dem die Studenten Merksätze der lateinischen Vers- und Silbenlehre entnehmen und mit dem sie den Stoff wiederholen konnten.

          Haben die Studenten es in einer Präsenzbibliothek genutzt oder durften sie es ausleihen, konnten sie es kaufen?

          Darüber kann man nur Vermutungen anstellen. Einige werden es sich angeschafft haben, es umfasst nur wenige Seiten, dürfte aber trotzdem teuer gewesen sein, wie alle Bücher zur damaligen Zeit. Die Möglichkeit zur Ausleihe bestand. Wem sie vorbehalten war, ist aber nicht genau bekannt. Präsenznutzung war bestimmt möglich.

          Wie viele Exemplare gibt es heute noch von diesem Buch?

          Es gibt insgesamt acht Exemplare in Bibliotheken. Bisher waren sieben bekannt, diese sind aber nicht alle vollständig erhalten. Manche sind etwas beschädigt oder die beweglichen Teile sind eingeschränkt. Unser Exemplar ist zum Glück vollständig.

          Weiß man, wie viele Exemplare es ursprünglich von diesem Buch gab?

          Das ist nicht bekannt, darüber möchte ich ungern spekulieren. Es waren sicher nicht viele. Die Druckerei, die Murners Bruder Beatus im Frankfurter Franziskanerkloster betrieb, war nur klein.

          Von wo stammt das Exemplar, das die Universitätsbibliothek Frankfurt gekauft hat?

          Wir haben es im Antiquariatsbuchhandel angekauft. Die Vorgeschichte ist leider nicht bekannt.

          Können Sie sagen, wie teuer es war?

          Nein, das möchten wir nicht bekanntgeben. Dafür bitte ich um Verständnis. Das Buch hat als das erste, das nachweislich in Frankfurt gedruckt wurde, einen sehr hohen ideellen Wert für die Stadt. Die Erwerbung war ganz sicher gerechtfertigt.

          Wie genau ist der Ansatz des Buches? Es enthält ja viele Merk-Grafiken mit zum Teil rätselhaft wirkenden Ziffer- und Zahlenkombinationen?

          Das ist bisher leider nicht bekannt, hierbei handelt es sich um ein Forschungsdesiderat. Wie genau man mit den in Holzschnitten dargestellten Spielen lernen sollte, wissen wir nicht. Man weiß, dass es um die Silbenlehre geht – es sind Vokale und Konsonanten aufgeführt. Wie man damit genau memorieren sollte, ist nicht geklärt.

          Man erwartet beim Betrachten dieser Holzschnitte ein spielerisches Lernen. Wenn man sich die Grafiken genauer anschaut, muss man aber sagen, dass sie nicht intuitiv verständlich sind.

          So ist es. Murner wurde schon zu seiner Zeit der Vorwurf gemacht, dass seine Ausführungen dunkel und unverständlich seien. Das Buch ist auch sehr knapp gehalten. Selbst wenn man Latein kann, ist es schwierig, ihm zu folgen. Ein Beispiel: Bei einem der Holzschnitte kann man eine Tasche aufklappen, Zahlen und Buchstaben werden sichtbar. Aufgeführt werden hier die Ausnahmen von den Regeln, die im Text zuvor genannt wurden. Man muss sich sehr intensiv damit auseinandersetzen.

          Die aufklappbare Tasche sollte Lernstoff merkbar machen – doch das „Ludus studentum“ gibt noch viele Rätsel auf.
          Die aufklappbare Tasche sollte Lernstoff merkbar machen – doch das „Ludus studentum“ gibt noch viele Rätsel auf. : Bild: Uwe Ebbinghaus

          Übersetzt liegt das Buch wohl noch nicht vor?

          Nein, es wurde bisher nicht ins Deutsche übersetzt, es gibt nur die lateinische Ausgabe.

          Wie häufig oder selten war ein Lehrbuch dieser Art in seiner Zeit?

          Extrem selten. Thomas Murner hat diese Methode wohl erfunden.

          Waren Lehrbücher eine häufige Textsorte um 1500?

          Eine verbreitete Textsorte. Schon bei den Handschriften gab es sie, bei den frühen Buchdrucken nahm die Zahl zu.

          Was lässt sich zur Materialität des Buchs sagen?

          Das Buch ist auf Papier gedruckt. Das war damals bereits üblich. Pergamentdrucke waren selten.

          Ist schon eine weitere Erforschung des Buchs geplant?

          Von Seiten der Universitätsbibliothek ist keine weitere Erforschung geplant, wir sind allerdings auch keine Forschungseinrichtung. Unsere Hoffnung ist natürlich, dass sich Wissenschaftler für diese Neuerwerbung interessieren, vielleicht sogar von der Goethe-Universität. Das würde uns freuen.

          Worin könnte aus Ihrer Sicht der Gewinn einer solchen Forschungsarbeit bestehen?

          Darin, herauszubekommen, wie das didaktische Konzept Murners genau funktioniert hat. Das wäre sicher lohnend.

          Murner hat ja auch mehrere zum Memorieren gedachte Kartenspiele erfunden, zur Logik und zu den justinianischen Institutionen. Darin bestand allem Anschein nach sein Ansatz: etwas durch Anschaulichkeit merkbar zu machen.

          Ja, für die damalige Zeit war das unkonventionell, aus heutiger Sicht ist sein Ansatz modern.

          Welche Bücher von Beatus Murner sind 1511/1512 noch in der Frankfurt Druckerei entstanden?

          Insgesamt gibt es neun Bücher aus dieser Zeit, ihr Inhalt ist hauptsächlich theologischer Natur. Sieben besitzen wir inzwischen in der Universitätsbibliothek, wir sind also immer noch nicht komplett. Thomas Murner ist bei acht dieser Bücher der Verfasser, Übersetzer oder Herausgeber. Darunter sind auch drei Bücher, in denen Murner aus dem Hebräischen übersetzt.

          Ist der Druck dieser Bücher qualitativ hochwertig?

          Ja, durchaus. Nur beim letzten Buch Murners, übrigens eine zweite Auflage des „Ludus studentum“, lässt die Qualität nach. Es enthält viele Druckfehler. Vielleicht fehlte die Zeit vor dem Aufbruch aus Frankfurt. Dieses Detail spricht aber auch dafür – das wäre zumindest meine Interpretation –, dass die erste Ausgabe gut abgesetzt wurde.

          Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus

          Dr. Bernhard Tönnies ist Leiter der Handschriften- und Inkunabelabteilung an der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main

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