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Ein Kriminalist im Interview : Den perfekten Lügner gibt es nicht!

  • Aktualisiert am

Marco Löw, Kriminalist und Autor Bild: FAZ.NET

So entschlüsselt man seine Kollegen - auch wenn sie noch so geschickt schwindeln. Der Kriminalist Marco Löw verrät, wie Körpersprache, kleine Fallen und ein wenig Mathematik helfen können. Was haben Polizeiarbeit und Büroalltag gemeinsam?

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          Herr Löw, warum machen uns andere Menschen überhaupt etwas vor und sagen uns nicht die Wahrheit?

          Weil die absolute Wahrheit zu sozialen Verstimmungen führen würde. Jeder Mensch hat für sich „seine“ Wahrheit und möchte die des anderen gar nicht unbedingt hören. Denn die pure Wahrheit verkraften nur die wenigsten. Deshalb sind wir im Alltag gezwungen, auf soziale Lügen zurückzugreifen. Das fängt mit kleinen Beispielen an wie etwa der Frage „Wie geht’s?“, wenn wir morgens ins Büro kommen.

          Das ist noch keine Lüge.

          Aber die Frage ist eine reine Höflichkeitsfloskel. Eigentlich will der Fragesteller doch gar nicht wissen, wie es dem anderen geht, und der Antwortende wird in der Regel „Gut“ sagen, auch wenn das gar nicht der Fall ist. Er wird aber lügen, weil er keine Lust hat, am Arbeitsplatz über seine Eheprobleme zu sprechen. So manipulieren wir uns permanent gegenseitig.

          Bei Begrüßungsfloskeln haben wir uns an solche Unwahrheiten gewöhnt, und sie haben normalerweise auch keine gravierenden Folgen. Anders sieht es bei konkreten Geschäftsterminen wie Vertragsverhandlungen oder Verkaufsgesprächen aus. Wie finde ich in solchen Situationen heraus, ob mein Gegenüber auch wirklich meint, was er sagt?

          Das Entscheidende ist, den anderen auf verschiedenen Wahrnehmungsebenen aufmerksam zu beobachten. Denn es ist auf Dauer einfach nicht möglich, sich überall perfekt zu verstellen. Ich sage: Den perfekten Lügner gibt es nicht.

          Was macht Sie da so sicher?

          Es fängt schon mit der Körpersprache an. Der perfekte Lügner müsste sämtliche Körperteile von Kopf bis Fuß kontrollieren. Auch sein Gesicht, die Stimme, seine Wortwahl müsste er perfekt kontrollieren. Er müsste also auf so viele Sachen gleichzeitig achten, dass dies kognitiv, also von den Denkprozessen her, gar nicht zu bewältigen wäre. Deshalb konzentriert er sich auf ein paar Dinge, macht zum Beispiel ein Pokerface. Aber an anderen Dingen wie den wippenden Füßen oder seinem Fingerspiel kann man erkennen, dass er nervös ist. Andersherum kann er seinen Körper unter Kontrolle haben, aber seine Mikromimik verrät ihn: Ein natürliches Lächeln baut sich zum Beispiel langsam auf, während ein künstliches viel schneller geschieht und weniger Gesichtspartien erfasst. Wer ein wenig trainiert, wird schnell die Unterschiede erkennen und seine Schlussfolgerungen daraus ziehen können.

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          Der geübte Beobachter kann also die gute Miene zum bösen Spiel erkennen. Worauf sollte man noch achten?

          Etwa darauf, ob Mimik und Körpersprache zusammenpassen. Wenn jemand „Toll“ sagt und leicht den Kopf schüttelt, dann ist das nicht der Fall. Eine solche Reaktion geschieht intuitiv, denn es lässt sich bewusst kaum steuern, ja zu sagen und nein zu denken. Man spricht dann von Inkongruenzen, wenn das Gesagte nicht mit dem Erscheinungsbild zusammenpasst.

          Was lässt sich aus der Wortwahl des Gegenübers ableiten?

          Jemand, der die Wahrheit sagt, wird eher dazu neigen, in der ersten Person zu sprechen und persönliche Formulierungen wählen wie „Ich habe das gemacht“ oder „Ich weiß es nicht“. Davon setzt sich wiederum jemand ab, der verstärkt Formulierungen wie „man“ oder „jemand“ wählt. Er will sich distanzieren, und das könnte auf Unwahrheiten in seinen Aussagen schließen lassen.

          Warum sind Situationen am Arbeitsplatz schwieriger zu durchschauen als Lügen im privaten Umfeld?

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